«Warum musst immer du der Bestimmer sein?», fragt das Kind, mit kleinen Sturmwolken auf der Stirn. Tja, darauf zu reagieren, hat der Erwachsene drei Möglichkeiten: Er holt erklärend weit aus, er beantwortet ‹Warum› mit ‹Darum› oder er greift zu einem Buch. Darin wird von einer Welt erzählt, in der die Menschen als Erwachsene geboren werden, dann, langsam, ganz langsam, zu Kindern werden und damit erst zu vernünftigen Wesen. Und die Sturmwolken auf der Stirn des Kindes werden wie weggewischt sein. Wenn es dann noch zu hören bekommt, dass auf diesem fernen Planeten die Kinder die Bestimmer sind, wird die Welt wieder rundum in Ordnung sein, auch unsere.
Charles Lewinsky, der im vergangenen Jahr mit seinem Roman ‹Melnitz› einen Bestseller landete, hat dieses Buch geschrieben. Besser gesagt, eine Hörspielreihe, vor vielen Jahren für Radio Basel, verrückte Geschichten von einem alten Kind, die gefielen. Mit dem Erfolg von ‹Melnitz› kam dann auch das Buch zum Hörspiel – was sich gelohnt hat.
‹Einmal Erde und zurück: Der Besuch des alten Kindes› ist ein Reiseführer durch unsere Welt der Selbstverständlichkeiten und der Fragen, die diese Selbstverständlichkeiten bitter nötig haben. Denn das 499-jährige Kind, das kurz vor seinem Geburtstag unsere Welt besucht, um über sie eine Klassenarbeit zu schreiben, wie es üblich ist in diesem zarten Alter, stellt diese unsere Welt gründlich auf den Kopf. Es nimmt alles wörtlich und stellt Fragen über Fragen, die das scheinbar Einfache kompliziert und das Komplizierte logisch machen. Nebenbei kann es zaubern, wie andere auf dem Klavier klimpern – was ebenfalls wörtlich gemeint ist – und so allerlei Gutes tun, wenn dieses Gute auch stets als ziemlich verrücktes, schräges Abenteuer daherkommt. Was Michell – ein Es, weil weder Bub noch Mädchen, oder vielleicht beides – was dieses alte Kind macht, treibt nicht selten auf Vorhersehbares zu, der Plot der Handlung ist durchschaubar, aber dabei so überbordend fantasievoll, dass es komisch ist, gerade weil es unsere Erwartungen und damit auch unsere Hoffnungen erfüllt.
Die Augen des anderen, des jungen Kindes, von dem ganz oben die Rede war, werden leuchten. Und es wird lachen und den Erwachsenen, der sich allzu selbstverständlich zum Bestimmer aufschwingt, mit wohlwollenderen Blicken bedenken. Dafür allein schon lohnt es sich, zu diesem Buch zu greifen. Am besten gemeinsam, denn diese Reise sollten Alt und Jung – aber vielleicht wars auch andersrum – gemeinsam tun.
| Christopher Zimmer
Charles Lewinsky: ‹Einmal Erde und zurück: Der Besuch des alten Kindes›, Atlantis 2007, 160 S., Abb. von Chrigel Farner, gb., CHF 24.80 (ab 9 Jahren).
Charles Lewinsky liest aus diesem Buch: Sa 12.5., 14.30, Kinderbühne, Buch Basel
sowie am Fr 18.5., 10.00, Landhaus, Solothurner Literaturtage
(Heft Mai 2007)




