Ein Herz für Kommerz und Kultur | Editorial
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Sie hat eine Zeitung, eine Bank, ein Reisebüro und eine Fluglinie, Tankstellen, Golfplätze und Fitnesszentren, bis 1999 hatte sie  sogar eine eigene Partei: die Migros. Sie ist die grösste private Arbeitgeberin des Landes – und verfügt seit dem Denner-Deal über eine bedenkliche Machtfülle, die ihr aber kaum jemand neidet. Dass sie auch die grösste private Kulturförderin ist, ist freilich nicht allen bewusst. 112 Millionen Franken betrug 2005 das Gesamtbudget für kulturelle und soziale Projekte, davon standen rund 22,3 Prozent für rein Kulturelles zur Verfügung – immerhin über 25 Millionen Franken.
Die Kulturförderung entspricht einem Anliegen des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler. Bereits 1941 hatte er die Idee formuliert, ein Prozent des Betriebsumsatzes ‹nicht kommerziell› sondern für die ‹Volksbildung› zu verwenden. Dieses ‹Kulturprozent› wurde 1957 in den Statuten verankert, und Kommerz und Kultur galten fortan als gleichwertige Unternehmensziele. Zu den von regionalen Migros-Genossenschaften oder vom Genossenschafts-Bund (MGB) initiierten und/oder geförderten Einrichtungen gehören z.B. das Tanzfestival Steps, die Klubhauskonzerte, das Migros-Museum für Gegenwartskunst, der Musik-Szene-Treff M4Music, der Theater-Dramenprozessor, das Bildungszentrum L’Arc in Romainmôtier sowie die Parks Im Grünen und die Klubschulen. Der Kulturbegriff ist bewusst weit gefasst und wird immer wieder zeitgemäss ergänzt. Wurde zu Beginn der Film stark gefördert, sind es heute eine Fülle von Projekten von ‹klassisch› bis experimentell, gemäss dem Ziel, «das Traditionelle und das Visionäre zu verbinden». Und noch immer gilt Duttweilers Grundsatz, man müsse sich «dort einsetzen, wo der Unternehmer kein Interesse zeigt und der Staat nicht mehr in  der Lage ist, die Aufgaben zu lösen».
Es passt in diese Philosophie, dass der 50. Geburtstag des ‹Kulturprozents› nicht glamourös gefeiert wird, sondern mit dem Jugendwettbewerb ‹MyCulture›, dessen Resultate weniger öffentlichkeitswirksam als für die Beteiligten eine wichtige Erfahrung sein dürften. Bis Mitte Dezember 2006 konnten Jugendteams ihre Projektideen in fünf verschiedenen Sparten einreichen, die anschliessend von einer Jury ausgewertet wurden. 65 Gruppen haben sich gemeldet, rund 25 sind im April eingeladen, ihre Vorhaben in zwei Wochencamps mithilfe von Profis zur Bühnenreife auszuarbeiten. Schliesslich werden die besten kleineren oder grösseren Produktionen zu einem Spektakel verdichtet, das an zwölf Orten des Landes präsentiert wird, so Anfang Juli auch in Basel. Mit ‹MyCulture› sollen die Jugendlichen Einblick in den ganzen Prozess von Kulturarbeit bekommen – von der Idee bis zur Realisation – und statt Kultur konsumieren selber Kultur schaffen. Es ist absehbar, dass solche Erfahrungen ein anderes, dauerhafteres Verständnis von Kultur fördern.
Auch Basel setzt vermehrt auf die Jugend, z.B. mit den ‹Education Projekten› (S. 15). Und falls der Rockförderverein der Region Basel ab 2008 eine halbe Million mehr bekommt, wäre das ein Zeichen für die reifende Einsicht, dass (nicht nur) junge Kultur nachhaltige Förderung braucht. | Dagmar Brunner


50 Jahre Migros-Kulturprozent: www.myculture.ch
Spektakel in Basel: So 1.7., 15.00, Helmut Förnbacher Theater


Eine erhellende Dokumentation zur Migros-Geschichte mit 17 Beiträgen von Studierenden der Uni Zürich: Katja Girschik, Albrecht Ritschl Thomas Welskopp (Hg.), ‹Der Migros-Kosmos›. Zur Geschichte eines aussergewöhnlichen Schweizer Unternehmens. Verlag hier + jetzt, Baden, 2003. Grossformat, 311 S., zahlr. Abb., kt., CHF 48

 

 

(Heft März 2007)