Dicke Berliner Luft | Buchbesprechung
> zurück

Mit dem Roman ‹Teil der Lösung› legt Ulrich Peltzer eine Topografie der Grossstadt Berlin vor, kunstvoll kombiniert mit einer Reihe präzis gestalteter Personenporträts. Da ist zunächst die Hauptperson Christian, ein Mittdreissiger, der dem typisch Berliner akademischen Prekariat angehört, sich als freier Kulturjournalist durchschlägt, notgedrungen aber auch PR-Texte für Restaurantführer verfasst. In wohlgeordneten Verhältnissen lebt hingegen Jakob, mit Christian seit Jugendtagen befreundet, Literaturdozent an der Humboldt-Universität, verheiratet, zwei Kinder. Er überredet einen Kollegen, einen Romanistikprofessor der 68er-Generation, für Christian die Verbindung zu italienischen Linksterroristen herzustellen, die zwei Jahrzehnte lang in Frankreich geduldet wurden, nun aber von der Abschiebung nach Italien bedroht sind. Denn Christian beabsichtigt, über deren Schicksal einen Artikel zu schreiben, handelt es sich doch in seinen Augen um einen Versuch der politischen Machthaber, «das Eingeständnis zu erzwingen, dass alles falsch war und ist, was auch nur von fern die gegenwärtige Ordnung in Frage stellt». Für ein erstes konspiratives Treffen mit einer Kontaktperson wird Christian per Handy durch halb Berlin gelotst. Wie beiläufig entsteht dank der detaillierten Wegbeschreibung ein lebendiges Bild der Stadt.
Während der Recherchen für seinen Artikel lernt Christian Nele kennen, eine begabte Studentin, die bei Jakob ihre Magisterarbeit über Jean Paul schreibt. Zwar bahnt sich eine Liebesbeziehung an, doch die junge Frau ist immer wieder auf Distanz bedacht. Sie verheimlicht Christian, dass sie zu einer kleinen Gruppe linker AktivistInnen gehört, die nach anfänglich gewaltlosen Protestaktionen gegen eine zunehmende staatliche Überwachung zu Sachbeschädigungen übergehen. Ziel ihrer Attacken werden Fahrscheinautomaten, Videoüberwachungskameras, das Büro einer Fluggesellschaft, zuletzt Dienstwagen der Ordnungskräfte. Sie ahnen nicht, dass ihre Gruppe von einer V-Person des Verfassungsschutzes unterwandert ist und ihr E-Mail-Verkehr von den Behörden beobachtet wird.
Auch wenn ‹Teil der Lösung› die Gefährdung der Privatsphäre durch staatliche Eingriffe thematisiert und Fragen nach den Grenzen individueller Opposition aufwirft, handelt es sich keineswegs um einen politischen Thesenroman. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die unterschiedlichen persönlichen Haltungen der handelnden Personen. Christian, der sich nicht ins geregelte Berufsleben integrieren will. Jakob, der gradlinig seine akademische Karriere verfolgt. Nele, die aus Verzweiflung über den Zustand der Welt vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt. Der Professor der 68er-Generation, der mit dem Kauf eines verfallenden Landguts im Brandenburgischen liebäugelt. Eine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach dem richtigen Leben
haben sie alle nicht anzubieten.
Als Alternative zur Politik scheint im Roman der Rückzug ins Private auf, was z.T. nicht ohne ein gewisses Pathos beschrieben wird. Dennoch ist Ulrich Peltzer ein ebenso aktuelles wie spannendes Buch gelungen. | Roman Benz

Ulrich Peltzer, ‹Teil der Lösung›. Ammann Verlag, Zürich, 2007. 464 S., gb., CHF 35.90