Kunst aus der Maschine | Ausstellung ‹Kunstmaschinen / Maschinenkunst›
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Die gemeinsam mit der Frankfurter Kunsthalle Schirn konzipierte Schau im Museum Tinguely zeigt Werke, die am künstlerischen Fliessband entstehen.
Jean Tinguely lebt! Wir alle kennen seine ‹Méta Matics›, die legendären Zeichenmaschinen aus den Fünfzigerjahren, die bis heute, also weit über des Künstlers Tod hinaus, Tinguely-Werke herstellen. Aber sind die wilden Zeichnungen, die da entstehen, echte ‹Tinguelys›? Oder sind sie ganz einfach nur Versatzstücke einer Kunstaktion, deren Zentrum die Maschine ist?
Spätestens seit den epochalen ‹Ready mades› von Marcel Duchamp ist das heilige Gebot, dass ein Originalkunstwerk untrennbar mit seinem Schöpfer verbunden ist, brüchig geworden. Während Duchamp industriell gefertigte Alltagsgegenstände zur Kunst erklärte, griffen Kunstschaffende nach ihm zu industriellen Methoden, um Kunst herzustellen: Sie kreierten Kunstmaschinen, die Maschinenkunst hervorbringen. Tinguely ist ein Pionier auf diesem Gebiet, auf dem aber viele weitere namhafte Persönlichkeiten tätig wurden: Damien Hirst, Olafur Eliasson und Rebecca Horn haben Kunstmaschinen geschaffen, die auf unterschiedliche Art wilde und geordnete Werke, fein ziselierte Zeichnungen oder wulstig-wurstige Plastiken entstehen lassen.

Kunstspiele mit Tiefsinn Maschinenkunst entsteht aber bei weitem nicht nur auf mechanische Weise, sie ist gerade in der von neuen Kommunikationstechnologien beherrschten Gegenwart aktueller denn je. Miltos Manetas überträgt Konzepte berühmter Kunstschaffender, wie Jackson Pollock, zu Web-2.0-Aktionen. Auf www.jacksonpollock.org kann man mit der Computermaus eigene Action Paintings herstellen. Die deutsche Künstlerin Cornelia Sollfrank wiederum hat einen Netzkunstgenerator kreiert, mit dem sich aufgrund von Stichworten, die man eingibt, wunderbare Bildcollagen schaffen lassen. Die Adresse: http://nag.iap.de
Das Kunstspiel auf dem World Wide Web macht Spass, so grossen Spass, dass man sich beinahe schon bemüssigt fühlt, vor Suchtgefahr zu warnen. Kunstmaschinen sind aber mehr als nur witzige Randerscheinungen im Kunstbetrieb. Heinz Stahlhut, der die Ausstellung zusammen mit seiner Frankfurter Kollegin Katharina Dohm kuratiert hat, betont: «Hinter dem oftmals bloss spektakulär erscheinenden Agieren verbergen sich Reflexionen der KünstlerInnen über ihre eigene Rolle, diejenige des Kunstwerks oder des Betrachters.»
Tim Lewis etwa hat einen Prothesenarm geschaffen, der permanent den Namen Dalì auf eine Papierrolle kritzelt. Mit seinem Werk ‹Auto-Dali Prosthetic› hinterfragt er damit die merkwürdige Rolle des berühmten spanischen Surrealisten Salvador Dalì, der sich einerseits als grossen Künstler feiern, anderseits sein Atelier gleichzeitig als personalintensive industrielle Kunstproduktionsstätte agieren liess.
Mit der aktuellen Schau verwandelt sich das Museum Tinguely in eine riesige, dem geordneten Chaos unterworfene Produktionsstätte von Kunst, bei der man letztlich lange darüber streiten kann, wie künstlerisch originär sie ist. Jean Tinguely at its best.

| Dominique Spirgi

Ausstellung ‹Kunstmaschinen / Maschinenkunst›: Di 4.3., 18.30 (Vernissage), bis So 29.6.,
Museum Tinguely