First Life? | Dokumentarfilm ‹Second Me›
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Die Baslerin Anna Thommen zeigt in ihrem Diplomfilm ‹Second Me› Faszination und Schrecken einer Flucht in Parallelwelten.
Schätzungen von Fachleuten gehen davon aus, dass in der Schweiz rund 70’000 Personen an Internet-Sucht leiden. Ein besonders hohes Suchtpotenzial geht von Seiten mit Online-Spielen sowie Chat- und Pornoangeboten aus. Eine Internet-Plattform, die bei Bedarf dies alles bieten kann, ist ‹Second Life›. Sich selbst stellt das Online-Spiel so vor:  «Second Life ist eine virtuelle Welt (…), die vollständig von ihren Bewohnern erschaffen und weiterentwickelt wird. In dieser gewaltigen und schnell wachsenden Online-Welt können Sie praktisch alles erschaffen oder werden, was Sie sich vorstellen können.» Verlockend?
Ganz offensichtlich. Über 15 Millionen Menschen haben sich weltweit bereits in dieser Parallelwelt registriert, und rund um die Uhr sind meist um die 60’000 NutzerInnen gleichzeitig in das Online-Spiel eingeloggt. Für ihren Diplomfilm ‹Second Me› hat die Baslerin Anna Thommen in der Welt von ‹Second Life› recherchiert und ist dabei auf einen Nutzer gestossen, der bereit war, sehr offen über die Faszination und den Schrecken dieses virtuellen Mediums zu sprechen. Entstanden ist ein Porträt von verblüffender Authentizität. Der jungen Filmerin gelingt ein schwieriger Balanceakt: Weder denunziert sie ihren spielsüchtigen Protagonisten, noch verharmlost sie die sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen dieser Spielsucht. Wie findet man diese Balance?

Verstehen statt verurteilen
«Indem man sich selbst nicht rausnimmt und das ‹Problem› nicht einfach beim Protagonisten sieht», sagt Anna Thommen. «Man wählt sich ja eine Hauptfigur auch aus, weil sie viel mit einem selbst zu tun hat. Dieses verbindende Element hilft zu verstehen. Ich kann mich an unseren ersten Drehtag erinnern. Es war keine gute Begegnung. Er war sehr nervös und launisch, und dies löste dasselbe in mir aus. Da dachte ich, dass ich diesen Film nicht machen kann, da ich mich nur über ihn ärgere. Und ich kann keinen Film machen über jemanden, den ich nicht mag, da sonst genau dieses Denunzieren passiert. Ich gab uns nochmals eine Chance am nächsten Tag und machte ein persönliches Interview mit ihm. Da entstand ein vertrautes Verhältnis, und ich begann plötzlich zu begreifen, warum ich ihn mir als Protagonisten ausgewählt hatte.»
‹Second Me› behandelt nicht nur auf sorgsame Weise ein inhaltlich wichtiges und spannendes Thema, der Film ist auch handwerklich sorgfältig gemacht. Unaufgeregt, informativ und durchaus auch witzig. Kein Wunder, dass er von Festival zu Festival weitergereicht wird. Gezeigt wurde er bereits an den Kurzfilmtagen in Winterthur und an den Solothurner Filmtagen; an den Jugendfilmtagen gewann er einen Preis. Im April ist er an den ‹Visions du Réell› in Nyon programmiert und wird zudem an internationalen Filmfestivals in Brasilien und Taiwan präsentiert. ‹Second Me› ist glänzend geeignet, Diskussionen anzuregen, und weist auch über ‹Second Life› hinaus. Wer ist denn schon wirklich sicher, dass er immer und überall sein ureigenes, unverfälschtes erstes Leben lebt? | Alfred Schlienger

‹Second me›: Fr 27.3. (Kurzfilmnacht), Kultkino Atelier, und Mi 22.4., 12.30 Gymn. Muttenz. Die DVD ist für CHF 20 direkt bei Anna Thommen erhältlich:
anntho@gmx.ch
40. Int. Doku-Filmfestival ‹Visions du Réel›: Do 23. bis Sa 25.4., Nyon, www.visionsdureel.ch

(Heft April 2009)