Nachbarn | Plattform Kaserne Basel
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Vor einem Jahr haben wir den Neustart der Kaserne Basel programmatisch ‹Mit Nachbarn› genannt. Nicht nur das Eröffnungswochen-ende, auch andere Aufführungen, Festivals, Workshops und Konzerte konnten unter diesem Titel gefasst werden, der für unsere Arbeit weiterhin relevant bleibt.
Nachbar ist ein Begriff, der aus dem dörflichen Kontext kommt – er setzt sich aus ‹nahe› und ‹Bauer› zusammen. Die BewohnerInnen eines Dorfes kennen sich, weil sie miteinander aufwachsen, arbeiten und sterben. Beziehen wir den Nachbarschaftsbegriff auf die Stadt, verändert sich seine Bedeutung: Nach dem Soziologen Max Weber ist man dort Nachbar, ohne deshalb miteinander bekannt sein zu müssen. Ein Ort wie die Kaserne greift das Thema der Nachbarschaft von zwei Seiten auf: Einerseits bewegen wir uns in einer Gemeinschaft von Kunstschaffenden, andererseits untersuchen wir eine Nachbarschaft, deren Geschichten, Figuren, Töne, Bilder und Räume uns noch unbekannt sind.
Seit einem Jahr arbeiten wir Tür an Tür mit der Moschee. Wie der Spielbetrieb der Kaserne, inklusive Proben, Soundchecks und Partys, von den Moschee-Gästen wahrgenommen wird, kann ich nicht einschätzen. Wir grüssen uns, man hat uns die Moschee gezeigt, mit anschliessendem Tee und Kuchen. Bei besonderen Anlässen nutzt die Moschee einen der beiden Rossställe zum Beten. Der Gesang der Muezzine dringt in unseren Arbeitsalltag.
Vor einigen Monaten habe ich die neue Arbeit von Stefan Kaegi, ‹Radio Muezzin›, gesehen und bin von den Erzählungen der Muezzine, der Poesie ihrer Gesänge und den Bildern beeindruckt. Die Inszenierung schafft es, eine Nähe zu einem für uns fremden Alltag herzustellen. Im Zentrum stehen vier Muezzine: ein blinder Koranlehrer, der jeden Tag zwei Stunden mit dem Minibus zur Moschee fährt; ein oberägyptischer Bauernsohn und ehemaliger Panzerfahrer, der neben der Tätigkeit als Muezzin den Teppich seiner Moschee staubsaugt; ein Elektriker, der nach einem Gastarbeiterleben in Saudi-Arabien und einem schweren Unfall begann, den Koran auswendig zu lernen; und ein Bodybuilder und Vizeweltmeister im Koran-zitieren, dessen Korankassetten sich unter Taxifahrern grosser Beliebtheit erfreuen.
Nach der Aufführung habe ich die Muezzingesänge unserer benachbarten Moschee mit anderen Ohren wahrgenommen. Sollte es uns gelingen, ‹Radio Muezzin› in der Kaserne zu zeigen, werde ich unsere Nachbarn einladen.
| Carena Schlewitt
Direktorin Kaserne Basel

 

(Heft September 2009, S. 21)