Serena Weys neuer Theaterabend gründet auf einem isländischen Roman.
Seit rund 25 Jahren beschäftigt sich die Basler Schauspielerin Serena Wey mit dem epischen, zur Reflexion anregenden Erzähl-Theater. Ihre Projekte unter dem Label ‹theater etc.› rücken gerne eine Frauenfigur ins Zentrum. Wort und Musik bilden oft ein Paar – Musik wirke «befreiend» auf den Text, so Wey, die zur sinnlichen Erfahrung des Theaters auch das Licht wie das (Bühnen-)Bild zählt. Eine wichtige ‹Handschrift› ihres Schaffens ist die Reduktion. Eindrücklich vor Augen geführt hat sie dies vor drei Jahren in ihrer szenisch-musikalischen Umsetzung des monologischen Romans ‹Der Schwimmer› von Zsuzsa Bànk: eine Hymne auf die zum Leben erweckte Literatur. Oft geht Wey von einer Vorlage aus, die nicht fürs Theater geschrieben ist.
Nun wagt sie sich an einen Text von grosser poetischer Eindringlichkeit: den kurzen Roman ‹Schattenfuchs› von Sjón (Sigurjón Birgir Sigurdsson, geboren 1962), für den der isländische Kultautor 2005 den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates erhalten hat. ‹Schattenfuchs› spielt im Winter 1883 auf Island, erzählt von der tödlichen Begegnung des Pfarrers Baldur Skuggason mit einer erdschwarzen Füchsin und deckt dabei ein ungeheuerliches Verbrechen auf, das der Geistliche begangen hat. Der Text, der eine subtile Welt zwischen Realität und Imagination, Traum und Trauma schafft, verwebt Motive der isländischen Volkssage mit der romantischen Erzählkunst und konfrontiert uns in einer verstörenden Geschichte mit ethischen Fragen. Der isländische Originaltitel ‹Skugga-Baldur› hat zwei Bedeutungen: Einerseits bezeichnet er ein Fabelwesen zwischen Katze und Fuchs. Anderseits bedeutet er einen bösen Geist.
Sehnsucht nach Befreiung
Serena Wey, eine Viel-Leserin, hatte sich schon fast für einen japanischen Text entschieden, als sie auf den nordischen Roman stiess. «Ich suchte etwas mit einer allgemein gültigen Aussage», erklärt sie ihre Wahl. ‹Schattenfuchs› handle «von all dem, was uns im Alltag begleitet und den Grundboden des Lebens ausmacht»: Liebe, Grausamkeit und «die Sehnsucht nach der Befreiung aus der Gefangenschaft». Sie bezieht sich auf das zentrale Motiv Mensch und Tier im Roman: Der Pfarrer, der ins Fuchsfell schlüpft und sich das Herz der Füchsin einverleibt; die weibliche Figur Abba, in Weys Worten ein «enfant sauvage», dessen Charakter und Schicksal hier nicht weiter erläutert werden sollen. ‹Schattenfuchs› sei wie ein «Natur-Gedicht», schwärmt die Schauspielerin, die sich beim Einstudieren des Romans in einer gekürzten Fassung mit der exotisch anmutenden nordgermanischen Sprache auseinandergesetzt hat. Der Text, in die Landschaft Islands gesetzt, komme klar, ohne Schönschreibe daher: «Er lässt einem Zeit und hat eine grosse Stille.»
Regie führt die Autorin Sabine Harbeke, die von Serena Wey als gute Zuhörerin und genaue Schafferin geschätzt wird. Ausserdem wirken der Musiker Benjamin Brodbeck mit, die Lichtdesignerin Brigitte Dubach, der Architekt Heini Dalcher für das Bühnenbild und Irina Weber, Regieassistenz. | Anna Wegelin
Serena Wey/theater etc. mit ‹Schattenfuchs›: ab Mi 14.10., 20.00 (Premiere), Theater Roxy → S. 41
(Heft Oktober 2009, S. 11 )




