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ADRIAN PORTMANN

 

Ein blasphemisches Stück.
Das Buch erschien 1894 in Zürich. Schon ein Jahr später wurde sein Autor Oskar Panizza in München angeklagt und wegen ‹Gotteslästerung in 93 Fällen› zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Einer der Schöffen wäre gerne noch weiter gegangen, jedenfalls gab er zu Protokoll: «Wann der Hund in Niederbayern verhandelt worden wär, der kam net lebendig vom Platz!» Weitere Auflagen des Theaterstücks waren nur als Privatdruck möglich, in den Sechzigerjahren wurde ein Verleger des Buches verhaftet, und die Aufführung einer Verfilmung des Textes wurde in Österreich verboten, ein Urteil, das vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte noch 1994 gestützt wurde.
Bei so viel Empörung fragt man sich natürlich, worum es denn geht. Nun, das Buch handelt vom sündigen Vatikan und vom lüsternen Treiben der Borgias. Als dieses Treiben vor dem Thron des Höchsten ruchbar wird, erhält der Teufel den Auftrag, sich eine Strafe auszudenken, was er auch tut: Er erfindet die Syphilis. So weit, so gut. Was das Stück aber zum Skandal machte, war die Charakterisierung des himmlischen Personals: Gott-Vater erscheint als seniler Greis, dem die Engel Spucknapf und Wärmeflasche hinterhertragen; der Sohn wirkt reichlich debil und schwindsüchtig; allein beim Heiligen Geist ist dem Autor nichts Gescheites eingefallen; dafür ist Maria eine hochmütige und eitle Intrigantin.
Differenzierte Kritik an Kirche und Glauben ist bei Panizza indes nicht zu erwarten: Im Kampf gegen kirchliche und staatliche Obrigkeiten kannte er keine Rücksichtnahme, da ging er aufs Ganze. Über die literarische Qualität dieser ebenso grotesken wie sarkastischen Satire darf man streiten. Gut möglich, dass das Buch ohne den Skandal in Vergessenheit geraten wäre. Immerhin aber haben so unterschiedliche Geister wie Fontane, Breton oder Mehring das Stück gelobt – und für Tucholsky war Panizza, «als er noch bei Verstande war, der frechste und kühnste, der geistvollste und revolutionärste Prophet seines Landes».
Aber mehr als das Buch interessiert mich sowieso der gesellschaftliche Umgang mit dem Tabubruch – und dieser lässt sich am ‹Liebeskonzil› bestens studieren.

 

Oskar Panizza, ‹Das Liebeskonzil›, Zürich 1894

 

‹Backlist› stellt besondere Bücher aus allen Zeiten vor.

 

(Heft Januar 2012, S. 20)