INGO STARZ
Alvis Hermanis’ Gastspiel ‹Long Life›.
Es ist ein Spiel ohne Worte, welches das Neue Rigaer Theater auf die Bühne bringt. Ein Stück, das uns Einblicke in postsozialistische Wohnverhältnisse gewährt. Fünf SchauspielerInnen setzen eine Art Altersheim in Szene: zitternd, schlurfend, mit schwacher Stimme. Aus allen Winkeln der mit Erinnerungsstücken und Unrat angefüllten Wohnung quillt die Vorahnung des nahen Todes. Die Darstellenden bewahren bei aller Gebrechlichkeit Anmut und Humor, etwa wenn die dünnen Stimmen zweier Alter im Liebeslied zueinander finden. Was diese Alters-WG so liebenswert macht, ist insbesondere die Empathie der jungen Akteure, die allesamt noch weit vom Dämmerzustand entfernt sind, den sie so faszinierend vorführen. Dergestalt tritt uns das Alter lebensfroh und unsentimental entgegen.
Der lettische Regisseur Alvis Hermanis ist seit 1997 Intendant des Neuen Rigaer Theaters. Mehrfach hat er das Alltagsleben seiner Heimat auf die Bühne gebracht. Lakonisch, mit Hintersinn und Witz, mit oder ohne Worte hat er die Tiefen der lettischen Volksseele ausgelotet. Die Unmittelbarkeit seiner Theaterkunst fasziniert das Publikum weit über die Grenzen Lettlands hinaus. Das deutschsprachige Theater hat Hermanis längst entdeckt, bedeutende Bühnen laden ihn regelmässig zu Inszenierungen ein: Am Schauspielhaus Zürich, am Wiener Burgtheater oder an den Münchner Kammerspielen entwickelte er in den vergangenen Jahren eigene Projekte und setzte alte und neue Stücke um. ‹Long Life›, das nun in Basel gezeigt wird, feierte 2003 seine Premiere und gastierte vielerorts mit grossem Erfolg.
Poesie des Alltags. Momente der Stille und der Sprachlosigkeit, beredte Gesten und in Bilder gebannte Stimmungen durchziehen die Theaterarbeiten von Alvis Hermanis. Ebenso augenfällig ist die Unterschiedlichkeit seiner ästhetischen Ansätze. Da kann sich das Geschehen vom leisen Vor-sich-Hinsprechen zur normalen Lautstärke eines Gesprächs entwickeln, wie in der Wiener Aufführung von Tracy Letts ‹Eine Familie›. Oder ein Abend mit Liedern von Simon & Garfunkel beschwört in feinsinnigem Rhythmus die Gefühlslage der 68er: ‹Sound of Silence›. Hermanis’ Sinn für burleske Tragikomik kommt in seinen semidokumentarischen Heimatabenden wie ‹Lettische Liebe› bildstark zum Ausdruck. Andernorts stimmt er eine Ode auf die Gabe des Erzählens an: so in der Zürcher Aufführung von ‹Der Idiot›, wo er die Kapitel 2 bis 7 von Dostojewskis Roman buchstabengetreu und wortmächtig aufsagen lässt. Hermanis erweist sich stets als Künstler mit genauer Beobachtungsgabe und Sinn für Rhythmus und Poesie. Seine traurig-komischen Gestalten gehen einem nicht so schnell aus dem Kopf.
‹Long Life›: Mi 1.3. bis Fr 3.3., Kaserne Basel → S. 38
(Heft Februar 2012, S. 14)




