Eine aktuelle Verfilmung des Kultromans von H.D. Lawrence zeigt nicht die klischierte sexuelle, sondern die erotische Dimension einer faszinierenden Amour fou.
Der sozialkritisch aufgefasste Beziehungsroman ‹Lady Chatterley› des britischen Autors D.H. Lawrence war Anfang des 20. Jahrhunderts eine negative Sensation, ja ein extremer Tabubruch. Soviel Offenherzigkeit im Umgang mit weiblicher Sexualität und Erotik war man offiziell nicht gewohnt. Geschildert wird schliesslich das aussereheliche, triebhafte Liebesverhältnis zwischen einer Dame von Adel und einem Bediensteten. Dass die Frau die verbotene Lust mit wirklich jeder Faser ihres Empfindens auch noch genoss, erregte die Gemüter umso mehr. Und beschert bis heute einem nicht geringen Teil der Leserschaft bei der Lektüre des Buchs feuchte Träume.
Die Filmgeschichte kennt etliche Adaptionen des Werks, gelungene und andere. Wie etwa diejenige mit der ehemaligen Softporno-Königin Sylvia Kristel in der Titelrolle. Das Problem aller Filmfassungen war immer dasselbe: Wie schafft man es, sich filmisch dem literarischen Gehalt des Werks einigermassen anzunähern? Meistens wurde darauf hingearbeitet, den exhibitionistischen und voyeuristischen Kitzel zu befriedigen. Für die Reduktion darauf ist der Stoff jedoch zu vielschichtig. Aber auch der Versuch, sich vorab auf das gesellschaftspolitische Potenzial zu konzentrieren, widerspiegelt den Stellenwert der im Roman dargestellten Liaison Fou nur ungenügend.
Das alles hat Pascale Ferran erkannt und einen anderen Weg gesucht. Er adaptierte die zweite und längste Fassung der Manuskripte, die H.D. Lawrence zum Thema verfasst hat. Sie erschien 1932 und ist eine bei der Kritik umstrittene, weil abgemilderte Variante des Originals. Das aber gereicht dem Film zum Vorteil. Denn jetzt können die Schwerpunkte anders gesetzt werden, und der wohltuende Verzicht auf visuelle, sexuell-erotisierende Effekthascherei führt zu einer präziseren Analyse der Charakterstrukturen der ProtagonistInnen.
Suggestive Naturbilder
Die Handlung spielt 1921 auf einem englischen Landgut. Dort begegnet die 26-jährige Constance Chatterley dem knorrigen Jagdaufseher Oliver Parkin, einem Angestellten ihres im Ersten Weltkrieg verletzten, querschnittgelähmten Ehemanns Clifford. Das vom Stande her ungleiche Paar kommt sich näher und trifft sich fortan zu heimlichen Schäferstündchen im Wald und anderswo. Die verbotene Beziehung wird immer intensiver und inniger. Sie führt zu einer eigentlichen Hingabe an das Gegenüber, und nach und nach nehmen beide ihre eigene Identität anders, befreiter wahr.
Das epische Kinowerk von über zwei Stunden Länge ist eigentlich als noch längere Mini-TV-Serie konzipiert und erinnert im Grundtenor an die sinnliche Gestaltungskraft eines James Ivory, repräsentiert aber darüber hinaus das Flair des Cinéma français. Eine exzellente Kamera sorgt dafür, dass das naturhafte Erleben nie plakativ wirkt, sondern als Bestandteil der Gesamtgeschichte aufscheint. Denn H.D. Lawrence wollte ja zeigen, dass die Urgewalt Liebe auch in ihrer obsessiven Form nicht wie ein Gewitter über ein Paar hereinbricht, sondern sich erst im Gleichklang von körperlicher und geistiger Anziehung entwickelt.
In Patrice Farrons ‹Lady Chatterley› wird das kenntlich. Dem Publikum wird allerdings einiges abverlangt, denn der getragene, geradezu anachronistisch anmutende, nur von wenigen Dialogpassagen und nostalgischen Zwischentiteln unterteilte Erzählrhythmus erfordert Seh-Geduld. Man muss sich auf die suggestive Sogkraft der Naturbilder einlassen, auf die Darstellenden und besonders auf die wunderbare Interpretation von Marina Hands als Constance. Sie wurde übrigens für ihre Leistung mit einem von fünf Césars – dem französischen Oscar – ausgezeichnet, die dem Film dieses Jahr zugesprochen wurden. Preise sind nicht das Mass aller Qualitätsdinge. Hier aber sind sie angemessen und ein Bekenntnis für ein Kino, das seinen Reiz und Charme aus der Unaufgeregtheit schöpft, während in vielen Kinoproduktionen heutzutage der Inhalt gnadenlos der Form untergeordnet wird. | Michel Lang
Der Film läuft ab Juli in einem der Kultkinos
(Heft Juli/August 2007)




