Liederabende sind selten geworden. Trotzdem hat das Kunstlied offenbar seine Anziehungskraft für Komponierende behalten, wie z.B. zwei Konzerte im Gare du Nord belegen. Das erste ist Teil eines Projekts der Siemens Art Stiftung zum Thema Lied: In Berlin, Weimar und Basel präsentieren je ein Komponist und ein Autor, die noch nie miteinander gearbeitet haben, ein gemeinsames Werk. Dahinter stehen das Interesse am Verhältnis von Musik und Sprache und die Frage nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten des Kunstlieds. In Basel wird ‹Liebe und Krieg› für Sopran, zwei Klaviere und zwei Schlagzeuger von Jan Müller-Wieland und Raphael Urweider uraufgeführt. Der 1966 in Hamburg geborene Komponist hat sich für den Berner Lyriker als Partner entschieden, weil er dessen knappe, präzise Sprache schätzt. Urweider hat zehn konzise Gedichte für ihn geschrieben, die um die Schrecken des Kriegs kreisen, am Schluss aber einen Ausweg ins Offene finden.
Müller-Wielands Partitur verbindet musikalische Textauslegung mit Passagen, in denen sich die Sprache als Klangmaterial mit den instrumentalen Klängen verbindet. Aufgabe der Musik sei im Lied «die Transposition des Textes in eine andere, vielleicht höhere Wirklichkeit», kommentiert er. Wichtig ist in seinem Stück der räumliche Aspekt. So sollen die beiden Klaviere, ebenso wie die Schlagzeuge, möglichst weit voneinander aufgestellt werden; im Zentrum der so entstehenden Quadrophonie stehe, als Herz der Musik, die Solistin. Deren sehr anspruchsvollen Part hat er der Sopranistin Claudia Barainsky quasi in die Kehle komponiert. Weitere Werke von Müller-Wieland und eine Lesung von Urweider komplettieren den Konzertabend.
Verzerrte Klänge
Kurze Gedichte von Samuel Beckett bilden die Grundlage des Liederzyklus ‹Mirlitonnades› des St. Galler Komponisten Alfons Karl Zwicker, den die in Basel lebende Sängerin Mona Somm in ihrem Programm ‹Voix contemporaine suisse› interpretiert. Becketts Texte sind Stenogramme, die der Dichter auf Zetteln festgehalten und später gesammelt veröffentlicht hat. Zwicker hat 17 von ihnen für Solostimme und Instrumentalensemble vertont. Es sind kurze, farbige Stücke, deren skurriler Witz existen-zielle Verzweiflung verbirgt. Der Komponist verlangt von den Instrumenten schräge, verzerrte Klänge; auch die Stimme der Solistin wird verfremdet, wenn sie in ihre zusammengelegten Hände und in eine Plastikfolie singen muss. Zwicker hat den Solopart für Somms ungewöhnlich weite Stimme komponiert; sie hat das Stück im Juni letzten Jahres in Paris uraufgeführt.
Den zweiten Teil des Programms bildet die 1995 entstandene Kantate ‹Concerto lirico› für Sopran, Violoncello und Perkussion des Westschweizers Eric Gaudibert auf religiöse Texte aus dem Mittelalter und dem Barock. Seine Musik wechselt zwischen Revolte und spiritueller Erhebung. Auch er bezieht den Raum ein: Er lässt die Solistin im Saal wandern und sieht auch für den Schlagzeuger drei Stationen vor; das Cello bleibt der ruhende Pol in der Mitte. | Alfred Ziltener
‹Liebe und Krieg›, Leitung Jürg Henneberger: So 4.5., 20.00, Gare du Nord
‹Voix comtemporaine suisse› mit Mona Somm: Do 8.5., 20.00, Gare du Nord
(Heft Mai 2008)




