Globale Räume | Monika Sosnowska, Andrea Zittel, 1:1
> zurück

Einmal jährlich tritt das Schaulager, dessen Bestände sonst der wissenschaftlichen Bearbeitung vorbehalten sind, an die breitere Öffentlichkeit; in diesem Jahr mit Werken von zwei innovativen Künstlerinnen.
Eins zu eins. Der Titel der Doppelausstellung mit Monika Sosnowska (geboren 1972) und Andrea Zittel (geboren 1965) ist unzweideutig und wirft doch Fragen auf. Stehen sich die Amerikanerin Zittel und die Polin Sosnowska im ausgewogenen Kräfteverhältnis gegenüber? Belegen sie massstabgetreu Mentalitäten ihres Herkunftslandes, oder basiert ihre Arbeit 1:1 auf ähnlichen künstlerischen Methoden? Ungeachtet dieser Fragen lädt das Schaulager in diesem Jahr das Publikum zu einer neuen Superlative ein: Etwa hundert «möbelartige Objekte, Raumgebilde und Gegenstände», an die 120 Gouachen, Zeichnungen und Malereien gewähren einen Überblick über das Schaffen von Zittel, mit neun teilweise monumentalen Skulpturen knüpft Sosnowska an ihren Auftritt im polnischen Pavillon der letztjährigen Biennale in Venedig an.
Seit den frühen Neunzigerjahren untersucht Andrea Zittel unter dem Label ‹A–Z› Aspekte des zivilisierten Alltags. Ihr eigentliches Unternehmen bewirbt die künstlerische Arbeit als Produkt, Dienstleistung oder Technologie. An der Schnittstelle zwischen Produktdesign, Innenarchitektur und autonomer Skulptur stellt die Amerikanerin das Verhältnis zwischen Kunstbetrachtung und den Gesten des Alltags auf die Probe. Mit ‹A–Z Living Units›, ‹A-Z Personal Uniforms› oder ‹A–Z Food Group› überprüft sie oft in Selbstversuchen die Tauglichkeit artifizieller Objekte oder schreibt umgekehrt funktionalen Gegenständen ein künstlerisches Fragezeichen ein.

Widerborstig
Während Zittels räumliches und bildnerisches Denken an Mobilität und individueller Lebensgestaltung Mass nimmt, schlägt jede Alltagstauglichkeit bei ihrer jüngeren Kollegin aus Warschau in ihr Gegenteil um. Die Zuverlässigkeit von architektonischen Räumen unterläuft Sosnowska – am liebsten im begehbaren Massstab 1:1 –, indem sie diese auf abschüssigem Terrain, in surreal anmutenden Wiederholungen oder als metallene Gerippe rekonstruiert. Anders als Zittel sucht sie nicht die von subjektiven und kollektiven Erzählungen gezeichnete Wohnlichkeit, sondern stellt Architektur in ihrer widerborstigen und doppelbödigen Anmutung bloss.
Die beiden Künstlerinnen sind in Basel nicht unbekannt: Während Zittel im Museum für Gegenwartskunst schon 1996 mit einer Einzelausstellung bedacht wurde und mit einer umfassenden Werkgruppe in der Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung vertreten ist, war Monika Sosnowska 2002 in der Kunsthalle zu Gast und durfte 2003 den Bâloise Kunstpreis entgegennehmen. Das Schaulager wagt eine gemeinsame Präsentation und entwickelt – so die Voraussage – ein «vielgestaltiges Ensemble». Die Künstlerinnen wie die Medienabteilung waren im Vorfeld zu Diskretion angehalten – kuratorische Praxis nimmt gelegentlich auch den Löwenanteil der Deutungsmacht für sich in Anspruch. Umso eingehender wird man sich in die Projekte vertiefen können, wenn der Vorhang gefallen ist und das wissenschaftliche Begleitprogramm die Auseinandersetzung mit Orten, Un-Orten und ihrer globalen Verankerung auch dem interessierten Publikum erschliesst. | Isabel Zürcher


Ausstellung ‹Monika Sosnowska, Andrea Zittel 1:1›: bis So 21.9., Schaulager, Münchenstein, www.schaulager.org 

(Heft Mai 2008)