Verbarium | schwärmen
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Manchmal geraten wir ins Schwärmen, eine Begeisterung erfasst uns, eine von der eher wirklichkeitsfernen und unkritischen Art. Ich z.B. schwärme für die Andrews Sisters und die Dead Brothers, für Julia Roberts, für einzelne Vertreterinnen der lokalen Damenwelt und für Penne al burro e salvia. Auch von Glen Baxters schrägen Zeichnungen kann ich schwärmen, von Dennis Potters ‹Singing Detective› und von anderem mehr.
Ob ich damit nun allein dastehe oder sozusagen im Schwarm schwärme: Ich mag sie, diese kleine Verzückung, in die mich das Schwärmen versetzt, diese leicht euphorische Stimmung. Es enthusiasmiert angenehm, und auch für den Seelenhaushalt dürfte es nicht nachteilig sein.
Ins Schwärmen komme ich auch bei bestimmten Büchern, etwa beim monumentalen ‹Deutschen Wörterbuch› der Brüder Grimm. Unter dem Stichwort ‹schwärmen› z.B. sind da vielerlei Bedeutungen und Zitate verzeichnet. Ich lese, dass das Schwärmen zunächst eine Sache der Bienen ist. Dass sich Menschen ähnlich verhalten, wenn sie auf die Strassen und durch die Nacht schwärmen und sich Ausschweifungen hingeben. Und ich erfahre, dass sich im Kopf der Menschen dasselbe abspielen kann: Wenn jemand verworrene Vorstellungen hat, «dann schwärmt es in seinem Kopfe», dann heben, so Grimmelshausen, «die hirn-hummeln gar völlig an zu schwärmen».
Wer ein derart wildes Treiben in seinem Kopf beherbergt, gilt als Schwärmer/in und steht nicht im besten Ruf. In der Reformationszeit etwa zieht Luther in immer neuen Invektiven gegen die Schwarmgeister und ihre apokalyptisch-mystische Frömmigkeit ins Feld: «der alte schalck der teufel hat die schwermer also verblendet, das sie nicht wissen, was sie selbs sagen.» Auch die Aufklärung bekämpft irrationale Tendenzen unter der Rubrik der Schwärmerei: Sie ortet hier «ungeordnetes geistiges Gebahren», eine Verirrung des Vorstellungsvermögens, ein Seelenfieber. Allerdings wird auch gefragt, ob dies nicht eine Reaktion auf übertriebene Rationalität sei und ob es die Einbildungskraft nicht aus ästhetischen Gründen brauche. Es erscheint sogar eine Zeitschrift für ebendiese Fragen, das ‹Archiv der Schwärmerey und Aufklärung›.
Und dann kommt es doch noch, unser sentimentales Schwärmen, und zwar unter Punkt 4.c: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, heisst es hier, habe der Begriff eine «mildere Bedeutung» erhalten: als «überwiegende Phantasie und Begeisterung», oder wie Wieland schreibt, als «schöne seelentrunkenheit, die uns die gegenstände unsrer bewundrung, unsrer liebe, unsres verlangens, in einem so zauberischen lichte zeigte». | Adrian Portmann

(Heft Mai 2008)