Eher zufällig habe ich am Tag des Schweizer Fussballglücks die letzten drei Minuten des Spiels am Radio mitverfolgen können – und bin vor Neid erblasst! Solche Aufmerksamkeit, solche Begeisterung, solcher Generationen, Kulturen-, und soziale Schichten verbindender Taumel: Wo gibt es das sonst, ausser im Sport? In der Kultur kaum, vielleicht mal an einem Festival, einem Rave oder an der Fasnacht. Was machen wir falsch, dass nicht Hunderttausende nach dem Kino, dem Theater, nach Lesungen, Konzerten oder Ausstellungen auf die Strasse stürzen, Wildfremden um den Hals fallen, dann glückselig nach Hause wanken und noch tagelang davon reden? Ganz zu schweigen von der Medienpräsenz ... Kurz: Dieses Spiel zeigte wieder einmal, was wirklich wichtig ist im Leben, und das ist keineswegs ironisch gemeint. Schon Friedrich Schiller wusste, dass «der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt». Das Kabaretttrio Birkenmeier/Vogt/Birkenmeier zeigt, dass der Dichter damit freilich nicht unbedingt den Fussball meinte (S. 10) ...
Was machen eigentlich erwerbslose Bühnenschaffende, also Schauspielerinnen und Dramaturgen, Regieassistenten und Theaterpädagoginnen, Bühnen-, Kostüm- und MaskenbildnerInnen, Beleuchter und Tontechnikerinnen etc? Sie erhalten ja meist keine Jahresverträge mehr, werden oft nur für ein Stück verpflichtet und müssen also höchst flexibel sein. Viele überbrücken die Zeit zwischen zwei Engagements mit allen möglichen Jobs – oder nutzen sie für Weiterbildung. In Zürich gibt es seit neun Jahren das vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) anerkannte Qualifizierungs- und Weiterbildungsprogramm ‹RATS›, das sich aus einem Theaterprojekt für Erwerbslose entwickelt hat und zu einem lebendigen Treffpunkt und Kulturort geworden ist. Im Zwinglihaus domiziliert, sind dort derzeit 18 fest Angestellte tätig, und über 60 Leute nehmen an den Programmen teil, davon rund ein Drittel aus dem Bühnenbereich. Angeboten werden fünf Einsatzgebiete: Gastro, Haus- und Bühnentechnik, Kommunikation, Multimedia und Produktion. Während einem halben Jahr können die Stellensuchenden sich hier in konkreten Projekten – Produktionen des Hauses oder Fremdveranstaltungen – engagieren, wobei etwa 40 Prozent der Zeit der Aus- und Weiterbildung dient, die von Fachleuten begleitet wird.
Im Frühjahr 2004 wurde das Haus als ‹Kulturmarkt› neu positioniert, um das kulturelle Programm zu bündeln und aktiver zu gestalten. Denn längst hatten die ‹RATS›-Verantwortlichen erkannt, dass das Erfolgsrezept ‹Integration durch kulturelle Interaktion› heisst. Die Synergien vor Ort werden damit optimal genutzt und die Wertschöpfung gesteigert; die Öffentlichkeit erhält attraktive Kulturangebote und die Mitwirkenden erwerben eine solide Basis in Kulturarbeit.
Ebenfalls im Frühling 2004 startete das Projekt ‹Theatermacher›, in dem Profis aus dem Bereich der darstellenden Künste Produktionen erarbeiten und durchführen sowie sich vielfältig weiterbilden. Theaterleute haben hier die Möglichkeit, die Krise der Arbeitslosigkeit als Chance zu sehen, in ihrem Beruf zu bleiben und künstlerisch vorwärts zu kommen; zudem arbeiten sie an einer adäquaten Selbstvermarktung und am Aufbau eines zweiten Standbeins. Von Januar bis Ende Juli 2006 wird bereits zum dritten Mal ein Stück angepackt, es hat noch offene Plätze (Bedingung: gemeldet beim RAV oder Sozialamt). | Dagmar Brunner
RATS im Kulturmarkt, Aemtlerstr. 23, 8003 Zürich, T 044 457 10 34
www.rats.ch, www.kulturmarkt.ch www.theatermacher.ch




