Die Fondation Beyeler präsentiert eine umfangreiche Sonderausstellung zum Werk von Wolfgang Laib.
Zwar ist der 1950 geborene deutsche Künstler Wolfgang Laib nach der Einzelausstellung 1990 im Kunstmuseum Luzern und diversen Ausstellungsbeteiligungen in Basel hierzulande kein Unbekannter mehr. Aber seine stillen, meditativen Arbeiten mit natürlichen Materialien wie Marmor und Milch, Blütenstaub, Reis und Wachs entgehen dem Blick, der allein das Laute und Spektakuläre sucht, weshalb die in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entwickelte, aktuelle Präsentation in der Fondation Beyeler durchaus ihre Berechtigung hat. Der Ausstellung sind zahlreiche Gäste zu wünschen, die neben der gleichzeitig stattfindenden, ‹gehypten› Schau der UBS-Collection noch die Musse zu einer angemessenen Betrachtung finden.
Unbefriedigt von den Antworten der Naturwissenschaften auf die grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens wandte sich Wolfgang Laib unmittelbar nach Ende seines Medizinstudiums 1974 der Kunst zu, ohne den Arztberuf jemals ausgeübt zu haben. Kurz darauf entstanden die ersten Arbeiten: die so genannten ‹Milchsteine›. Hierfür schleift Laib in langwieriger Handarbeit in eine Marmortafel eine nur wenige Millimeter tiefe, von einem schmalen Grat umgrenzte Mulde, die er für die Ausstellung bis zum Rand mit Milch füllt.
Schon diese ersten Arbeiten weisen vollgültig alle Charakteristiken auf, die sein Schaffen noch heute kennzeichnen: Wie auch für die anderen Werkgruppen – die feldartigen Blütenstaubauslegungen, Reismahlzeiten und mit Bienenwachs überzogenen Konstruktionen – verwendet der Künstler Naturmaterialien, die er häufig nur minimal bearbeitet. Angesichts dieser einfachen, elementaren Gesten des Sammelns, Ausstreuens, Aufschüttens mögen manche die Kardinalsfrage der Moderne, ob das denn noch Kunst sei, stellen. In Wahrheit nähert aber gerade diese formale Einfachheit Laibs Arbeiten an zentrale Strömungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts an: das Readymade, die konstruktive, konkrete, minimalistische und konzeptuelle Kunst.
Je unbekannter, desto schöner
Für Laib selbst sind solche Einteilungen nur von untergeordnetem Interesse: «Ich kann mit diesen Kategorien wenig anfangen. Ist ein Blütenstaub abstrakt, konkret, realistisch, romantisch, naturalistisch?» Den sich in solchen Kategorien äussernden Fortschrittsgedanken der Moderne hält Laib für gefährlich und verweigert sich auch einer Ausdeutung seiner Arbeiten: «Es wäre schade, ein Ziel anzugeben. Das Ziel ist unbekannt. Je unbekannter, desto schöner …»
Überhaupt ist Laibs Schaffen – beeinflusst nicht zuletzt durch die intensive Beschäftigung mit fernöstlicher Philosophie – geprägt vom zyklischen Zeitbegriff. Dies zeigt sich allein schon daran, dass die Tätigkeit des Pollensammelns für die Blütenstaubauslegungen gebunden ist an die begrenzte, aber wiederkehrende Blütezeit der jeweiligen Pflanze; und die Menge von Pollen, die der Künstler in dieser Frist zusammentragen kann, bestimmt wiederum die Grösse eines Blütenstaubfeldes. Auch die stete Wiederholung einiger weniger Werkkonzepte spricht für eine Haltung wider die unablässige (Selbst-)Überbietung des Vorangegangenen.
Gerade aufgrund ihrer Reduktion stellen Laibs Werke hohe Anforderungen an den Ausstellungsort: «Einen guten Boden, gute Wände und ein gutes Licht, nicht mehr und nicht weniger.» Bedingungen, die Laib noch heute nicht überall vorfindet. Deshalb erfüllte er sich vor einigen Jahren mit ‹Une chambre de cire pour la montagne› bei Arboussols (Pyrénées-Orientales) den lang gehegten Traum einer Installation eines Wachsraums in einer abseits gelegenen Felsenhöhle.
Dieses vitale Interesse an adäquaten Räumen mag denn auch Laibs Wahl für die Fondation Beyeler beeinflusst haben, in deren diskreter Architektur seine Arbeiten ihre ganze Vieldeutigkeit werden entfalten können: «Er ist wohl all dieses und keines zugleich … Ein Blütenstaub könnte reinster Naturalismus und gleichzeitig reinste Abstraktion und Geist sein, und am besten bleibt er Blütenstaub …» | Heinz Stahlhut
Ausstellung ‹Das Vergängliche und das Ewige›, Wolfgang Laib: bis So 26.2., Fondation Beyeler. Es erscheint ein Katalog mit Beiträgen der Kuratoren Philippe Büttner und Ulf Küster.
Zitate aus einem Interview mit Martin Schwander anlässlich der Ausstellung im Kunstmuseum Luzern, 1990.




