Kreative Literaturvermittlung | Editorial
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Vor einem Monat kam die lang erwartete (Er-)Lösung: Das Literaturhaus Basel hat wieder ein eigenes Dach über dem Kopf. Nach über zwei Jahren ohne festes Domizil kann es im Februar definitiv in die Barfüssergasse umziehen. Und zwar – vor allem dank Verhandlungsgeschick des Vereinspräsidenten Hans Georg Signer – zu offenbar sehr guten Bedingungen. Mit grossem Saal, Büros und einem Tagescafé, dessen Angebot sich am literarischen Programm orientiert. Ende gut, alles gut? Sicher, einen besseren Ort kann man sich nicht wünschen: zentral, ruhig und schön gelegen, ebenerdig, mit Industrieambiente und attraktiver Nachbarschaft ... Aber eigentlich ist das alles sekundär. Die Hauptsache ist und bleibt der Inhalt, die Literatur und ihre Vermittlung. Und da darf das Haus, wie manche meinen, gerne noch einen Zacken zulegen, d.h. sich stärker profilieren. Die eigene Handschrift sei zuwenig sichtbar, man sei zwar rührig, aber auch beliebig, sei existent, aber nicht wirklich präsent. Jedenfalls nicht ausserhalb der engsten Kreise. Das mag auch an der Sparte liegen, Literatur ist nicht mehrheitsfähig. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, sie zum Stadtgespräch zu machen, nicht nur mit Festivals und Buchmessen, sondern mit Herzblut, pfiffigen Ideen, Kontinuität, Vernetzung und einem guten Riecher für Aktuelles.

Demselben Anliegen verpflichtet ist Matthyas Jenny, der ja u.a. die Idee eines Literaturhauses initiiert hatte. Im November wird sein Verlag Nachtmaschine (und damit auch seine Literaturvermittlungstätigkeit) 30 Jahre alt. Das sollte ursprünglich gross gefeiert werden, mit einem 30-stündigen Happening. Aber für ein Fest zum eigenen Jubiläum wollte Jenny keinen Penny seines knappen Verlagsbudgets ausgeben, lieber macht er damit Bücher. Und so gibt es jetzt immerhin einen Abend mit Wolf Wondratschek, einem der ersten Autoren der Nachtmaschine, die Jenny im Winter 1975/1976 im Tessin gründete. Damals lebte er, nach intensiven Reisejahren, als Alleinerziehender mit seinen beiden Kindern in Meret Oppenheims Haus Casa Aprile in Carona. Auf einer Rotaprint A4 druckte er nachts seine Literaturzeitschrift ‹Nachtmaschine› (fünf Ausgaben mit viel Lyrik und Zeichnungen, z.B. von Markus Raetz) und, ab 1977 wieder in Basel, auch Bücher mit Gedichten, Erzählungen, Theaterstücken von z.T. namhaften Autoren. Tagsüber war Jenny in Brotjobs tätig, die alle mit Büchern zu tun hatten, daneben schrieb und publizierte er selber (in andern Verlagen), und entwickelte mit hohem persönlichem Einsatz stets neue Projekte zur Literaturvermittlung bis hin zur ‹buchbasel› und diversen Literaturfestivals. Letztere organisiert er mit seinem 2001 gegründeten Literaturbüro als Ein-Mann-Betrieb – ein volles Programm! «Eigentlich sind alle meine Tätigkeiten und mein Leben ein Traum, der sich nie bezahlt gemacht hat», schrieb er mir einmal. Mehr über seine erstaunliche Kreativität ist auf seiner Website zu erfahren.

Kreativität ist auch gefragt in der Leseförderung. Dieser sind verschiedene Initiativen gewidmet, die jeweils im November stärker an die Öffentlichkeit treten. Mehr dazu finden Sie auf Seite 15. | Dagmar Brunner



Wolf Wondratschek und 30 Jahre Verlag Nachtmaschine, Lesung und Gespräch: Mi 16.11., 20.00, Vorstadt-Theater. Moderation: Peter Henning. Eintritt: Ein Buch vom Büchertisch zwischen 10 und 49 Franken nach freier Wahl. Infos: www.literaturfestivalbasel.ch, Link ‹Verlag Nachtmaschine›.