Der in Basel lebende Wort- und Bildkünstler Werner Lutz wird 75 Jahre alt. Die Galerie Die Aussteller zeigt rund 40 seiner neueren Werke.
Bei diesem Menschen ist nichts ganz eindeutig: Sein Vorname könnte auch sein Nachname sein und umgekehrt. Seine Buchtitel sind so poetisch wie bildhaft: Nelkenduftferkel. Hügelzeiten, Schattenhangschreiten, Farbengetuschel. Seine Bilder schliesslich erinnern an Chiffren, geheime Schriftzeichen, die sich nicht ohne weiteres entziffern lassen. Überhaupt eignen sich weder Texte noch Bilder für den schnellen Konsum, sondern verlangen Aufmerksamkeit, Freude am genauen Hinsehen und Lauschen. Am Wortekosten und Bildertrinken, am Eintauchen in einen sinnlichen Kosmos, der auch Tief- und Abgründiges enthält. Danach ist man vielleicht ein wenig beschwipst ... «Am Türrahmen war ein Feldweg festgebunden. Er ringelte sich im Gras.», heisst es z.B. schon auf der ersten Seite der Erzählung ‹Hügelzeiten›. In seiner Lyrik begegnen uns «Wortvergeuder» und «Farbenquäler», «Gurgelgeister» und ein «Ziegenhaarhimmel», «Himbeerlippen» und ein «Wurzelstolperlachen». Diese Wortschöpfungen haben nichts Gekünsteltes, vielmehr sind es präzise Schilderungen von Beobachtungen und Erfahrungen, und sie entfalten eine beträchtliche Sog- und Langzeitwirkung wie Zauberformeln, die man nicht mehr vergisst.
Zwischen Bewegung und Stille
Es passiert ja eigentlich nichts Spektakuläres in den Gedichten und der Prosa von Werner Lutz, seine Zuneigung gilt dem Naheliegenden, dem Alltag, dem Augenblick, die er schwebend leicht, klar und dicht zu würdigen weiss. Und zwar, wie es scheint, mit umso weniger Worten, je älter er wird. Alle diese Qualitäten finden sich auch in seinen Bildern, vor allem den Zeichnungen, auf die z.B. sein Wort ‹Bleistiftgespinste› wunderbar passt. Mit Graphit auf edlem Papier lässt Lutz – es sei wie eine Sucht, er könne, wenn er einmal begonnen habe, kaum mehr damit aufhören – Gebilde entstehen, die an Pflanzliches, an Schattenspiele und Wolken, an Gesteinsoberflächen und Wasserläufe oder auch an tanzende Figuren erinnern. Eine anziehende Mischung aus Lebendigkeit und Ruhe, Kraft und Zartheit, die auch die Texte kennzeichnet. Und so bilden diese beiden künstlerischen Begabungen eine faszinierende Einheit und bleiben doch individuelle Äusserungen.
Werner Lutz wird am 25. Oktober 75 Jahre alt. Als Appenzeller lebt er seit vielen Jahren in Basel, wurde u.a. von Rainer Brambach gefördert, blieb aber immer ein Einzelgänger, «scheu und unstet», wie es Brambach formulierte. Er hätte sein Werk ohne weiteres besser vermarkten können, bevorzugte aber stets Verlage, wo das Büchermachen nicht nur ein Geschäft, sondern eine Leidenschaft ist. Seine Publikationen sind denn auch allesamt bibliophile Kleinode. In der Basler Galerie Die Aussteller, die nun schwergewichtig Zeichnungen präsentiert, hat Lutz offenbar ideale Partner gefunden. Neben seinem malerischen Werk wird er an einer Lesung neue Texte präsentieren, die nächstes Frühjahr erscheinen sollen. | Dagmar Brunner
Ausstellung ‹Zeichnungen und Bilder› von Werner Lutz: Fr 21.10., 18.00 (Vernissage mit Einführung von Martin Zingg) bis Sa 12.11., Galerie Die Aussteller, St. Alban-Vorstadt 57. Mi bis Fr 15.30—18.30, Sa 11.00—17.00. Der Künstler ist jeden Sa 14.00—16.00 anwesend. Lesung von Werner Lutz (Einführung Tadeus Pfeiffer): Do 3.11., 18.30, Galerie Die Aussteller.




