Beflügelt und couragiert | Dokumentarfilm über Jazzmusikerin
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Gitta Gsell präsentiert ein dichtes Filmporträt der Pianistin Irène Schweizer, die aus dem Prinzip der Improvisation eine Lebenskunst gemacht hat.

Bei ihr scheint alles aus einer inneren Notwendigkeit heraus zu geschehen: Prätentiöse Posen liegen Irène Schweizer vollkommen fern, ihre stets von Leidenschaft und Spontaneität geprägte Musik gehört definitiv nicht in die Kategorie ‹l‘art pour l’art›. Nicht nur als Künstlerin, sondern auch als engagierte Zeitgenossin hat sie gesellschaftliche Umbrüche mutig, aber nie mutwillig mitgestaltet. Wie aus der 1941 geborenen Tochter eines Schaffhauser Wirte-Ehepaars eine international renommierte Jazzpianistin wurde, zeichnet Gitta Gsell nun in einem erstaunlich vielschichtigen Dokumentarfilm mit dem schlichten Titel ‹Irène Schweizer› nach, der einerseits unterschiedlichen Konzertaufnahmen aus den letzten Jahren viel Platz einräumt, anderseits in komprimierten Exkursen in die Vergangenheit zurückblendet.

Durch die geschickte Anordnung des Materials, zu dem auch schöne Alltagsimpressionen gehören, werden wichtige Kontinuitätslinien in Schweizers Schaffen offen gelegt. So erfährt man zum Beispiel, wie Schweizer vor rund vierzig Jahren bei Auftritten des südafrikanischen Quintetts The Blue Notes im legendären Zürcher Jazzcafé Africana schier aus dem Häuschen geriet, und sieht dann, wie sie vor zwei Jahren mit dem letzten Überlebenden dieser Gruppe, dem Schlagzeuger Louis Moholo, durch das befreite Südafrika tourte. Abgesehen von etlichen nicht sehr schlüssigen Split-Screen-Spielereien, nutzt Gsell die Vorzüge des Mediums Film äusserst souverän. Ein besonders suggestives Kabinettstückchen ist diejenige Passage, in der eine ungebärdige Kollektivimprovisation aus der ‹Kaputtspielphase› des europäischen Free Jazz zum Soundtrack für Schwarzweiss-Archivaufnahmen von Strassenschlachten umfunktioniert wird: Sowohl Ton als auch Bild erhalten eine neue Brisanz.



Widerborstig und bodenständig

Irène Schweizer hat sich erstaunlich schnell, wenn auch weniger radikal als die meisten ihrer WeggefährtInnen, von den Konventionen des Jazz gelöst und in der frei improvisierten Musik ein Betätigungsfeld mit emanzipatorischer Stossrichtung gefunden; sie hat dabei eine Musizierhaltung entwickelt, bei der sich Widerborstigkeit und Bodenständigkeit nicht gegenseitig ausschliessen. Zu einem besonders wichtigen Anliegen wurde für sie die vom Feminismus inspirierte Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Musikerinnen. Einen starken Auftritt in Gsells Film hat in diesem Zusammenhang das fulminante Trio Les Diaboliques, dem neben Schweizer die britische Sängerin Maggie Nicols und die französische Kontrabassistin Joëlle Léandre angehören und dessen theatralische Auftritte einer mal von subversivem Humor, mal von lustvoller Aggressivität geprägten Katharsis gleichkommen.

Nur zu hören sind ‹die Teufelinnen› auf der CD ‹Portrait›, die das Zürcher Label Intakt, das Schweizer mitbegründete, sozusagen als Ergänzung zum Film herausgebracht hat. Mit 14 zwischen 1984 und 2004 aufgenommenen Stücken gibt die CD einen faszinierenden Überblick über Schweizers imposantes Ausdrucksspektrum. Dazu kommt ein opulentes Booklet mit interessanten Texten. | Tom Gsteiger



Der Film läuft ab Mitte Oktober im Kultkino

Solokonzert von Irène Schweizer: Sa 8.10., 20.00, KKL, Luzern, www.kkl-luzern.ch

T 041 226 77 77. DRS2-Liveübertragung 20.00