Eine überraschungsreiche Pilgerreise nach Mekka führt zur Annäherung zwischen einem Vater und seinem Sohn.
Für viele Muslime ist es das Lebensziel, einmal ins saudiarabische Mekka zu pilgern. Zum Hort des Glaubens, dorthin, wo der Begründer des Islam – der Prophet Mohammed – geboren wurde. Dass der Weg zur und das Verweilen an der heiligen Stätte beschwerlich sein kann, hindert kaum jemanden daran, die Reise zu wagen. Mekka, eine Stadt mit rund 1,5 Millionen EinwohnerInnen, empfängt rund zwei Millionen Pilgernde jährlich und dürfte so einer der grössten Versammlungsorte weltweit sein.
Mekka als magischer Ort, Mythos und Phänomen ist in dokumentarisch-filmischer Form oft gewürdigt worden. Nun auch in einem klugen und emotionalen Spielfilm von Ismaël Ferroukhi. Er schildert in ‹Le grand voyage› die Pilgerreise – gewissermassen von unten gesehen. Sein Interesse gehört einem in Südfrankreich lebenden Mann marokkanischer Abstammung. Der strenggläubige Familienvater will, offenkundig den Tod vor Augen, nicht bequem im Flugzeug reisen, sondern so erdennah wie möglich, per Automobil. Selber fahren kann er nicht, und weil sein ältester Sohn kurzfristig als Chauffeur und Begleiter ausfällt, muss der jüngere Reda einspringen. Allerdings ist der Student von der Idee nicht begeistert. Er gehört einer anderen Generation an, lebt ein modernes Leben, tut sich mit dem Glauben schwer und möchte nur ungern von seiner französischen Freundin, keine Muslimin, getrennt sein. Zudem weiss Reda, dass die Reise nach Mekka im unkomfortablen Mittelklassewagen durch sieben Länder führen und keine Erholungstour werden wird. Ob das der Vater auch weiss? Es ist anzunehmen, aber für den Pilger aus Überzeugung ist der Weg auch das Ziel – koste es, was es wolle! Und so nimmt er kraft seiner väterlichen Autorität den widerspenstigen Filius in die Pflicht.
Fruchtbare Gegensätze
So präsentiert sich die Ausgangslage für ein Road-Movie der besonderen Art. Die zwei fahren los, und kaum ist Italien erreicht, werden bereits die Grenzen der Fahrgemeinschaft sichtbar: Der Sohn möchte nämlich in Mailand, dann in Venedig Halt machen, um Neues zu entdecken. Aber der unbarmherzige Vater lehnt solch touristisches Gebaren ab. Er will den Ort seiner Sehnsucht auf direktem Weg erreichen und keine Zeit mit Unnützem verlieren. Um den Sohn noch mehr an sich zu binden, entsorgt er auf einem Rastplatz dessen Handy und beraubt ihn der Möglichkeit, mit der Liebsten zu telefonieren. Weil der alte Herr zudem fünfmal am Tag sein Gebet verrichten will, kommt es zu Stopps an keineswegs idealen Orten. In Ex-Jugoslawien dann stiftet eine seltsame ältere Mitfahrerin Verwirrung, und in der Türkei führt die Bekanntschaft mit einem hilfsbereiten, aber auch undurchsichtigen Herrn zu Unruhe, dramatischen Missverständnissen und offenen Konflikten zwischen Vater und Sohn.
Mekka ist weit und der Weg zum Ziel steinig. Aber er macht Sinn. Ferroukhis Film zeigt mit würdevoller Distanz und doch unverstellt, wie sich Menschen gleichen Blutes, aber gänzlich unterschiedlicher Lebenseinstellungen durch gemeinsames Erleben und Erleiden näher kommen: Der Alte, der zum Abschied die Quelle sucht, und der skeptische Junge, der an der Quelle im Abschiednehmen Hoffnung schöpft.
| Michael Lang
Der Film läuft ab Do 9.6. in einem der Kultkinos




