Mundus’ Reise | Buchbesprechung
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‹Nachtzug nach Lissabon› ist ein Roman, der sich seit Monaten auf den Bestsellerlisten behauptet, der vielfach besprochen, gelobt und gelesen wird. Kein Wunder, geht es doch um grosse Themen, um das Menschsein an sich, um Sehnsucht und Angst, Freundschaft und Verrat, um die Frage, ob wir unser Leben auch anders leben, eines Tages statt nach links nach rechts gehen könnten.

Diese Fragen stellt sich Raimund Gregorius, auch genannt Mundus, 57 Jahre alt, Gymnasiallehrer in Bern. Der eines Tages einfach aus einer Schulstunde davonläuft und nach Portugal fährt, um dort dem längst verstorbenen Autor eines Buches nachzuspüren, das er per Zufall entdeckte und das ihn ergriff, wie nur selten Bücher ergreifen. Während seiner Recherchen begegnet Mundus vielen Menschen. Sie bringen ihn auf seiner Suche nach Amadeu Prado, eben jenem Autor, alle wundersam weiter. Es entwickeln sich innerhalb von Wochen tiefe Beziehungen und echte Freundschaften. Man ahnt vielleicht: Zuweilen ist das alles, selbst nach Massstäben eines Romans gemessen, gar zu märchenhaft schön, um wahr zu sein.

Aus jenem Buch, das Mundus ergriff und aus dem er uns alle paar Romanseiten gleichsam vorliest, spricht eine Ehrlichkeit, Wahrheit und Tiefe, die seine Faszination und Besessenheit zumindest anfangs plausibel machen. Dieses Buch im Buch verdanken wir, wie den ganzen Roman, dem Schweizer Autor Pascal Mercier, der unter diesem Pseudonym bereits zwei Romane veröffentlicht hat und ansonsten als Peter Bieri in Berlin Philosophie lehrt. Und weil es in der Philosophie darum geht, die richtigen Fragen zu stellen, tut das Peter Bieri alias Pascal Mercier, alias Amadeu Prado, alias Raimund Gregorius, alias Mundus. Allerdings hätte ich nichts dagegen gehabt, nur das Buch im Buch in die Hände zu bekommen und zu lesen, auf die Geschichte ringsherum, auf den Roman, hätte ich auch verzichten können. Wie das?

Nun, zu Beginn entwickelt ‹Nachtzug nach Lissabon› ganz im Stil eines echten Bestsellers einen gehörigen Sog: Wie da einer aus seinem geregelten, vorhersehbaren Leben auf- und ausbricht, alles hinter sich lässt und sich ganz und gar einer Sache verschreibt – der Suche nach einem Mann. Und letztlich nach sich selbst. Doch schon bald beginnen Mundus’ Recherchen in Lissabon etwas lahm zu werden. Allzu schematisch fügt sich da ein Detail ans andere, allzu vorhersehbar und durchsichtig, wie er seine Lesefrüchte referiert, an sich erfährt und einordnet. Und nicht ganz von der Hand zu weisen meine Reminiszenz an ‹Sofies Welt›, jenes Erfolgsbuch, das mich ärgerte, weil die Romanhandlung darin nur ein Vorwand war, weil es schlecht erzählt und die Sprache bescheiden war. Letzteres kann man Pascal Mercier aber nicht vorwerfen, seine Sprache hält ein hohes Niveau und macht sogar Passagen erträglich, die allzu pathetisch und nahe am Kitsch sind – pochende Herzen vor verschlossenen Türen, schneidende Blicke und funkelnde Augen.

Es sind also nicht so sehr Merciers Erzählkunst und die Konstruktion des Romans, die bestechen, sondern die Sprache und vor allem jenes Buch im Buch, das ich gerne am Stück gelesen hätte, auch ohne den Roman. | Oliver Lüdi



Pascal Mercier: ‹Nachtzug nach Lissabon›, Hanser Verlag. 495 S., gb., CHF 44.50