Schuld daran ist die Brotfabrikmaschine. Trotz physikalischem Wissen und unter Einbezug der Kabbala gelingt es dem Erfinder nicht, mit seinem monströsen Objekt die Brotherstellungsbranche zu revolutionieren. Und damit so viel Geld zu verdienen, dass er mit seiner Frau, den acht Kindern plus Onkel Chaim und dem Dienstmädchen endlich ins Heilige Land reisen kann. Was bleibt, ist der Traum, was folgt, ist «das meschuggene Jahr».
Verrückt sind sie denn auch alle ein bisschen – die Figuren in Memo Anjels Roman. Der 1954 in Medellín geborene Autor ist Professor für Soziale Kommunikation, schreibt Kolumnen und gehört zu den bedeutendsten SchriftstellerInnen des jungen Kolumbiens. ‹Das meschuggene Jahr› spielt in Prado, dem jüdischen Stadtteil von Medellín, man schreibt das Jahr 1954. Handlungsort ist das Haus von des Erfinders Sippe. Aus der Sicht seines dreizehnjährigen Sohnes erfahren wir vom Leben, Lieben und Leiden dieser zehnköpfigen sephardischen Familie, deren grosses Ziel eine Reise nach Jerusalem ist. In kurzen Kapiteln berichtet der Junge vom familiären Treiben, in dem Glück und Trauer so zusammengehören wie Wunder und Glauben. Fern von der Alltagsrealität, fern auch von jeglicher Anspielung auf Kolumbiens politische, wirtschaftliche und soziale Situation, liest sich diese Familiengeschichte wie ein Credo für eine Lebensweise, in der, mit Augenzwinkern, ein Satz wie dieser Gültigkeit hat: «Gott gibt dir das Werkzeug, das Wunder musst du selbst vollbringen.»
Grausames, schönes Leben
Ein anderes Kolumbien präsentiert der 1950 ebenfalls in Medellín geborene Tomás Gonzáles, studierter Philosoph, in seinem Roman ‹Horacios Geschichte›. Im Zentrum steht wiederum eine Grossfamilie, Zeit: Anfang der Sechzigerjahre. Geldmangel, Diebesbanden und raue Sitten prägen die Gegenwart. Mit Kolumbien, so sagt es Horacios Schriftsteller-Bruder, geht es seit Bolivars Tod abwärts. Horatio selbst ist ein etwas verschrobener Mittvierziger, der Antiquitäten hortet, zwei Kühe hält, fünf Töchter und einen lümmelhaften Sohn hat und seine Frau noch immer liebt. Geschildert werden die letzten Lebensmonate seines unspektakulären Lebens; es wird geliebt, gelacht und gestritten, doch anders als bei Anjel ist es ein Lieben, Streiten und Lachen, das sich mit den Realitäten und Banalitäten des Alltags verbindet: Da ist der Geruch der klein gehäckselten Bananenstrünke, die verbotene Zigarette des herzkranken Horacio auf der Toilette, da sind trächtige Kühe, Hitze und Schweiss. Und da ist schliesslich, unaufdringlich, aber stets präsent, der Tod – als ein Teil des Lebens.
Mit viel Wärme lässt Gonzáles seinen Erzähler von diesem Dasein berichten; es ist der Blick eines Mannes auf das Leben (vor allem) von Männern. Mit Horacios nahendem Tod konzentriert sich der Erzähler zunehmend auf den Sterbenden, zeichnet ein ergreifendes Abschiedsszenario – unsentimental und deshalb umso berührender. Zwischen Todesträumen und Momenten des Wachseins wird Horacio von der allerletzten Gewissheit getragen: dass das Leben so grausam wie auch gut ist. «Im Sonnenlicht schwirrten die Libellen über einem See. Wieder knurrte der Hund. Schade, dachte Horacio. Wie schön das ist, schade, verdammt noch mal.» | Corina Lanfranchi
Memo Anjel: ‹Das meschuggene Jahr›. Deutsch von Erich Hackl und Peter Schultze-Kraft. Rotpunktverlag Zürich, 2005. 181 S., gb., CHF 32.
Der Autor liest auf Einladung des Literarischen Forums in Basel: Fr 27.5., 20.00, Vorstadt-Theater. Einf.: Peter Schultze-Kraft
Tomás González: ‹Horacios Geschichte›. Dt. von Peter Schultze-Kraft, Gert Loschütz und Jan Weiz. Edition 8 Zürich, 2005. 164 S., gb., CHF 29




