Andrés Wood schildert die letzten Tage des Salvador-Allende-Sozialismus aus der Sicht von Heranwachsenden.
Am 11. September 1973 wurde in Chile die Regentschaft des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende nach einem Militärputsch jäh beendet, und es begann das Schreckensregime von General Augusto Pinochet. Jetzt, nach über dreissig Jahren, ist der erste chilenische Spielfilm zu sehen, der die Zeit vor dem Machtwechsel aufarbeitet. ‹Machuca› ist ein aussergewöhnliches Werk des filmisch in den USA geschulten Chilenen Andrés Wood.
Der dritte Film des 40-jährigen Regisseurs und Autors erzählt von den letzten Monaten, Wochen und Tagen in Allendes Chile. Aus der Sicht eines Elfjährigen erleben wir den Alltag in Santiago, sehen, wie Gonzalo Zeuge von dramatischen Veränderungen in seinem Lebensumfeld wird. Der Junge besucht eine vom katholischen Priester Father McEnroe mit harter Hand und grossem Herz geleitete Eliteschule. Nach und nach werden dort auch Schüler aus einfachsten Verhältnissen integriert. Einer davon ist Machuca, der in einer slumähnlichen Gegend wohnt. Er wird von den Mitschülern aus besseren Kreisen gehänselt, wo es nur geht. Aber im aufgeweckten und sensiblen Gonzalo findet er bald einen hilfsbereiten Kameraden. Dieser führt ihn in seine gutbürgerliche Familie ein, wird aber auch hautnah Zeuge des harten Alltags in Machucas Familie. Als dritte Hauptfigur kommt noch die frühreife, politisch radikale Silvana ins Spiel. Sie zeigt den pubertierenden Freunden nicht nur, was es mit der Liebe auf sich hat!
Schleichende Verschlechterung
Woods Film ist eine von bitterem Humor durchzogene, erstaunlich nachhallende Schilderung der politischen und kulturellen Veränderung in Chiles Hauptstadt. Man nimmt in jeder Szene die schleichende Verschlechterung der Lebensverhältnisse wahr: Das Klima an der Schule wird härter, die Fronten zwischen Arm und Reich, Gebildet und Ungebildet verhärten sich zunehmend, Father McEnroes Kampf für Toleranz zwischen den Schülern verebbt zusehends. ‹Machuca› erinnert, gewiss nicht zufällig, an Louis Malles filmisches Meisterstück ‹Au revoir les enfants› von 1987, wo es um eine ähnliche Story im Bannkreis des besetzten Frankreichs geht.
Andrés Woods Verbeugung vor dem grossen Vorbild ist unverkennbar – stört aber nicht, im Gegenteil. Der Chilene kopiert nicht, sondern findet seine eigene Form. Ihm gelingt eine Geschichtslektion von unten, die weniger auf historischen Fakten basiert, sondern sich mit den direkt Betroffenen befasst. Mit Gonzalo und Machuca, die als Heranwachsende in den Siebzigerjahren in den Sog revolutionärer gesellschaftlicher Entwicklungen geraten: Sexuelle Befreiung, Popmusik, Modeströmungen, Sozialismus. Und die auf der Negativseite mit der Brutalität des Rechtsradikalismus konfrontiert werden.
Zeichen gegen das Unrecht
Ohne effekthascherisches Gerumpel gelingt es Andrés Wood, mit symbolstarken, emotionalen Beispielen und Episoden nachhaltig Wirkung zu erzielen. Parallel dazu zeigt er intime, subtil inszenierte Szenen und schafft ein mosaikartiges Ganzes von allgemeingültiger Kraft. ‹Machuca› ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie auch dramatische Zeitgeschichte im Spielfilm vermittelt werden kann. Der Regisseur selber war 1973 acht Jahre alt und hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie seine jungen Helden. Andrés Wood: «Mir schien es eine absolute Notwendigkeit, diesen Film zu machen. Einerseits, weil niemand bislang das Ende der Demokratie in Chile aus dieser Perspektive gezeigt hat. Es ist eine Perspektive von Kindern – wie sie die damalige Welt wahrnahmen, ohne zu werten oder einordnen zu können, was geschah. Sie erleben, was zu jener Zeit passierte, als direkte Zeugen.»
Dem ist nur das beizufügen: Dieser Film ist wichtig, weil er ohne aufgesetzte Melodramatik und radikale ideologische Verbohrtheit das Unrecht eines menschenverachtenden Regimes anprangert. Und parallel dazu aufzeigt, dass der Einzelne – wenigstens moralisch – immer auch Zeichen gegen soziales Unrecht, dünkelhafte Intoleranz, militante Arroganz setzen kann.
| Michael Lang
Der Film läuft derzeit im Kultkino Camera




