Kunst in Bewegung | Kinetische Kunst im Museum Jean Tinguely
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‹Bewegliche Teile› überprüft die Relevanz der Kinetik für das zeitgenössische Kunstschaffen.

Kunst bezieht sich immer auch auf Kunst, sie reflektiert permanent ihr eigenes Archiv. Dieser Gedanke von Boris Groys gilt ebenso für ihre Präsentationen, immer wieder wurden Ausstellungen zu Referenzpunkten der Kunstgeschichtsschreibung. Auch die kommende Schau im Museum Tinguely knüpft explizit an frühere Auslegungen des Themas an, insbesondere an ‹The Machine›, die Pontus Hultén 1968 im Moma New York ausrichtete. «The machine as seen at the end of the mechanical age», das war es, was er vorführen wollte: den Abgesang auf die Maschinenkunst am Beginn eines neuen, elektronischen Zeitalters. Tatsächlich war die Maschinenkunst eine ‹Erfindung› der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, viele Kunstschaffenden reflektierten die Beschleunigung des modernen Lebens, die mit der Industrialisierung eingesetzt hatte. Die Maschinen gaben die Bilder vor: stampfendes Eisen, drehende Räder, Rauch und Dampf. Jean Tinguely war einer ihrer Vertreter, auch er zelebrierte 1960 mit einer selbstzerstörerischen Maschine (‹Hommage à New York›) die spektakuläre Schönheit des Untergangs.



Zwischen Perfektion und Bricolage

‹Bewegliche Teile – Formen des Kinetischen› soll nun überprüfen, ob und wie die Maschinenkunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch relevant ist. Fokussiert wird allerdings nicht nur auf Maschinen, sondern, weiter gefasst, auf Bewegung von Objekten im Raum. Die filmische oder virtuelle Bewegung von Video- und Netzkunst bleibt ausgeklammert, dennoch ist das Spektrum riesig. Maschinen zwischen Perfektion und Bricolage bilden die Spannweite, ihre Wirkungen sind poetisch oder humorvoll, rätselhaft oder gar beängstigend.

Hans Haackes ‹Blue Sail› (1965) setzt mit minimalem Aufwand ein poetisches Zeichen, beinahe immateriell schwebt ein blaues Tuch im Luftzug eines Ventilators [½Abb.]. Sigmar Polkes ‹Kartoffelmaschine› (1969) kommentiert ironisch die Technikeuphorie: sein gebastelter Apparat lässt eine Kartoffel um eine andere rotieren. Die kreisenden Tierplastiken in Bruce Naumans ‹Carousel› (1988) dagegen erzeugen eine überaus beklemmende Atmosphäre, und Rebecca Horns anthropomorphe Maschine ‹American Waltz› (1990) evoziert einen weiblichen Körper in marionettenähnlicher, zwanghafter Tanzbewegung.



Zwischen Apparat und Organismus

Nebst solchen ‹historischen› Werken sind in der Ausstellung auch ganz aktuelle Arbeiten zu sehen – oder besser: zu erleben. Im Zeitalter der Instant-Stars gewinnt Warhols Diktum vom 15-minütigen Berühmtsein geradezu wörtliche Aktualität. Im Blitzlichtgewitter von Malachi Farrells ‹Interview (Paparazzi)› lassen sich jene ambivalenten Gefühle nachempfinden, die das öffentliche Interesse an der eigenen Person erzeugt. Christiaan Zwanikkens ‹Frantic Diggers›, emsige Kleinroboter, sind ununterbrochen damit beschäftigt, ihr Terrain umzuformen. Eine Ironisierung von Land-Art-Konzepten oder ein Kommentar zum Verhältnis von Technologie und Natur? Wendy Jacobs ‹Squeeze Chair› ist ein Objekt, das visuell in die Nähe von Design rückt und funktional mit physiotherapeutischen Maschinen verwandt ist. Ein pneumatischer Fauteuil ‹umarmt› die darauf sitzende Person, allerdings nicht automatisch, sondern durch die aktive Mithilfe einer zweiten Person, was eine Art Dreiecksbeziehung zwischen zwei Menschen und einer Maschine erzeugt.

Das Themenspektrum ist enorm breit: Es reicht von Narrativem und Theatralischem über Modelle sozialer Interaktion bis zu den Schnittstellen zwischen Apparat und Organismus. Heinz Stahlhut, der für die Basler Schau verantwortliche Kurator, spricht vom «Werkstoff Bewegung», den diese mediale Ausstellung thematisiert. Was den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit erwecken mag, ist jedoch gerade Absicht der Schau: die Vielfalt und Heterogenität der Themen aufzuzeigen, welche die kinetische Kunst heute aufgreift. Es ist nicht mehr primär Zukunftseuphorie respektive -skepsis, was die Kunst mit den Maschinen verbindet. Die Technik hat an Selbstverständlichkeit gewonnen, so dass die Kunst deren Potenzial nutzen kann, ohne sich von ihr die Themen diktieren zu lassen. | Sibylle Ryser



‹Bewegliche Teile›: So 8.3., 18.30 (Vernissage) bis So 26.6., Museum Jean Tinguely. Katalog dt./engl., 288 S., zahlr. Abb., CHF 45

Symposium zur Erhaltung und Restaurierung kinetischer Kunst: Fr 8./ Sa 9.4., Information und Anmeldung: heinz.stahlhut@roche.com