Flüchtige Momente des Glücks | Spielfilm ‹2046›
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Der Hongkong-Chinese Wong Kar-wai erweist sich mit seinem neuen Film einmal mehr als stilsicherer Meisterregisseur.

Der Film ‹In the Mood for Love› erzählte die zwischen Nähe und Distanz oszillierende Liebesgeschichte von Chow Mo-Wan (Tony Leung) und Su Li-zhen (Maggie Cheung). Während der Produktion kam es aufgrund der Finanzkrise in Asien zu Problemen. Das Projekt musste vorübergehend gestoppt, neue Geldgeber mussten gefunden werden. In dieser Pause hat Regisseur Wong Kar-wai mit der Realisation von ‹2046› begonnen: einer Art Fortsetzung von ‹In the Mood for Love› und zugleich einem durchwegs eigenständigen Werk.

Im Hongkong des Jahres 1966 weilt der wiederum von Tony Leung gespielte Chow im Zimmer 2047 des Hotels Oriental (in Nummer 2046 hat er in ‹In the Mood for Love› Su Li-zhen getroffen). Er schreibt an einem Sciencefiction-Roman, der im Jahr 2046 handelt. Zwar verneint Wong Kar-wai explizite politische Bezüge, doch ist 2046 auch das Jahr, in dem Hongkong seinen bei der Übernahme von China zugesprochenen Sonderstatus verlieren wird.

Während Chow, ein meist cool auftretender Frauenheld, an seinem Buch arbeitet, taucht er immer tiefer in seine Erinnerungen an Beziehungen und Affären ein. Eine Frau hat er nie vergessen können. Unter romantischen Gesichtspunkten betrachtet, hat Chows Festhalten an einer grossen Liebe natürlich seinen Reiz. Allerdings fragt man sich, ob diese Liebe mehr war als eine Projektion, ein Tagtraum. Hat er die Richtige zur falschen Zeit getroffen? Oder findet er Intensität nur durch Unerfülltheit?



Reise durch Innenwelten

Spricht man über die inhaltliche Ebene von Wong Kar-wais Arbeiten, ist damit weniger als die Hälfte gesagt. Denn wie kaum ein anderer zeitgenössischer Regisseur hat er die Fähigkeit, filmische Formen auszuloten. Bildgestaltung, Dramaturgie, Rhythmus, Licht, Schnitt, Ton, Dekor: Wong Kar-wai versteht es virtuos, jedes Element, welches das Medium Film bietet, auf gekonnte Weise auszugestalten, sodass sich durch deren Kombination komplexe Bedeutungsebenen öffnen.

Gedreht wurde dieser u.a. von der europäischen Oper inspirierte Film in Cinemascope, und zwar fast ausschliesslich in Nahaufnahmen und Halbtotalen. Immer wieder ‹kleben› die SchauspielerInnen am Leinwandrand, als liefen sie Gefahr, aus dem Bild zu kippen. Wong und sein langjähriger Kameramann Christopher Doyle trachten nicht nach optischer Wirklichkeitsnähe, sondern kreieren gewissermassen mentale Räume. Nicht zuletzt durch die Ausklammerung der Umwelt und der Lebensumstände der Figuren taucht man in Innenwelten ein – vor allem in jene von Chow. Wie in früheren Filmen durchbricht der Regisseur auch in ‹2046› klassische Erzählstrukturen. Er arbeitet mit Wiederholungen, erzählt elliptisch und verschachtelt, sodass Raum und Zeit gleichsam aufgelöst scheinen. ‹2046›, ein Werk von seltener Vielschichtigkeit und visueller Kraft, ist eine filmische Reise in die Welt des Begehrens, der Erinnerungen und Verluste. Eine Reflexion über die Liebe, über Sehnsüchte und Versprechen. Und über den Traum von Beständigkeit, der unweigerlich zerschlagen wird von der unaufhaltsam verrinnenden Zeit.
| Judith Waldner



Der Film läuft ab Anfang Februar im Kultkino Club

Das Stadtkino zeigt im Februar frühere Filme von Wong Kar-wai