Was machen Sie, wenn gleich ein Sachbuch vorgestellt wird, in dem es um deutsche Grammatik geht? Leer schlucken? Aufstöhnen? «Das hat mir gerade noch gefehlt» sagen und umblättern? Halt, Moment, es ist vom ‹Zwiebelfisch›! Unter diesem Titel erscheinen auf der Internetseite des ‹Spiegels› sprachpflegerische Kolumnen des Autors Bastian Sick, der sich eben als ‹Zwiebelfisch› eine beträchtliche Anhängerschaft erschrieben hat. Kolumnen, die nun in einer Auswahl auch als Buch vorliegen und sich, denn das ist der Punkt, ausgesprochen vergnüglich und unterhaltsam lesen. Darauf deutet schon der kreuzfidele Titel des Buchs hin: ‹Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod›, einer gleichnamigen Kolumne entlehnt, die das langsame Sterben des Genitivs beklagt. Man hätte auch ‹Deutschland, deine Apostroph’s›, ‹Bratskartoffeln und Spiegelsei› oder ‹Man trifft sich im Abendbereich› nehmen können, Titel, die wie an die 50 andere in diesem Taschenbuch versammelt sind.
Sie alle befassen sich also mit Grammatik und Orthographie, mit Stilistik auch und nicht zu knapp. Der Autor will uns, so die im Untertitel erklärte Absicht, durch den «Irrgarten der deutschen Sprache» führen. Und er tut das richtig gut, wozu auch eine Reihe von Tabellen beiträgt, den heiteren Kolumnen in tiefem Ernst zur Seite gestellt. Sprachliche Klippen und Zweifelsfälle werden so umschifft und entschieden. Fragen wie: Sagt man das oder die Nutella? Capuccinos oder Capuccini? Und wie heisst der Plural von ‹Lapsus›? Oder unser Augenmerk wird auf den inflationären Gebrauch des Superlativs gerichtet, auf Blähwörter, Substantivierungen und andere Tricks, die eigene Rede oder Schreibe mit Bedeutung aufzumöbeln; desgleichen auf sprachliche Modetorheiten wie jene, Adjektive immer häufiger und ohne Not mit dem Suffix ‹-bar› zu schmücken. Leseprobe gefällig? Ja, überfällig: «Die Endsilbe -bar ist auf dem Vormarsch. Und im Moment sieht es so aus, als wäre sie durch nichts aufhaltbar. Wie ein Heer grimmiger Orks rückt sie voran und nimmt ihren schwächeren Konkurrenten Lich, Abel und Sam eine Bastion nach der anderen ab. Die Genannten sind nicht etwa Hobbits, sondern Suffixe.»
Die grösste Stärke dieses Buches aber liegt darin, dass es uns zunächst einmal systematisch verunsichert und an unserer Sprache zweifeln lässt. Was bestenfalls dazu führt, dass man etwas vorsichtiger und bewusster mit Sprache umgeht. Selbstverständlich liesse sich gegen eine Kolumnensammlung in Buchform auch allerlei einwenden. Schliesslich sind Kolumnen ursprünglich für andere Medien gedacht und für den Moment geschrieben. Ausserdem kann auch ein ‹Zwiebelfisch› nicht immer ganz dem Vorwurf der Haarspalterei und Besserwisserei entgehen. Und natürlich sind nicht alle seine Kolumnen gleich lustig und unterhaltsam. Oder gleich unentbehrlich. Ob die Einwohnerschaft Kassels nun Kasseler, Kasselaner, Kasseläner oder, kreuzfalsch: Kassler heissen – ist mir jetzt wirklich wurst. Trotzdem, dieses Buch gehört auf jeden Schreibtisch. Also unbedingt lesen. Und nicht zuletzt erfahren, warum der ‹Zwiebelfisch› so heisst. | Oliver Lüdi
Bastian Sick: ‹Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod›, KiWi-Taschenbuch, 230 S., CHF 16.50.
Zwiebelfischs Kolumnen: www.spiegel.de




