Die Politik der Gefühle | Hans Weingartners Spielfilm ‹Die fetten Jahre sind vorbei›
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Als ein Einbruch zu einer Entführung eskaliert, gerät ein klassenkämpferisches WG-Trio in emotionale Irrungen und Wirrungen.

Die jungen Berliner Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) sind eigentlich rechtschaffene Kerle. Allerdings haben sie eine ungewöhnliche Art, Gesellschaftskritik zu üben: Sie spionieren in vornehmen Stadtbezirken die Sicherheitseinrichtungen von Villen aus, legen sie lahm und brechen ein. Doch geht es ihnen nicht um Beute. Es macht den beiden schlicht Spass, das Schickimicki-Mobiliar umzustellen und mit dieser symbolischen Geste gegen Luxus und Materialismus zu protestieren. Am Tatort hinterlassen sie dann Botschaften wie «Die fetten Jahre sind vorbei» oder «Sie haben zu viel Geld». Und unterzeichnen mit «Die Erziehungsberechtigten».

Die durchaus originellen Aktionen verunsichern die Betroffenen, denn allein die Tatsache, dass Fremde in die Intimsphäre eingedrungen sind, hat etwas Unheimliches. Und weil nie etwas gestohlen wird, empfinden es viele Heimgesuchte als peinlich, die Polizei zu informieren. Der klassenkämpferische Schabernack wäre wohl noch lange weitergegangen, wenn dem WG-Duo nicht die Launen der Liebe in die Quere gekommen wären: Als Peter ohne seine Freundin Jule in die Ferien verreist, beginnt diese eine Liaison mit Jan, der ihr beim Renovieren der Wohnung hilft. Aus nachvollziehbaren Gründen will Jule auch genauer wissen, was die Jungs in ihrer Freizeit so alles treiben. Als sie es weiss, will sie mehr: Sie möchte an einer Aktion teilnehmen, und zwar aus ganz persönlichen Gründen an einer ganz bestimmten Adresse!

Trotz Bedenken – aber von Liebesgefühlen trunken – geht Jan auf Jules Vorschlag ein. Das ist der Beginn einer dramatischen Story: Im Lauf der Aktion kehrt der steinreiche Geschäftsmann Hardenberger vorzeitig heim und ertappt die Eindringlinge in flagranti. Er wird daraufhin gekidnappt und ohne Konzept auf eine österreichische Alp verschleppt. Dass nun, tief in der Provinz, die Sache eskaliert, ist absehbar. Zumal Entführung ein wesentlich kapitaleres Delikt ist als ein Einbruch ohne Gefährdung von Leib und Leben.



Ohne ideologischen Ballast

Regie in ‹Die fetten Jahre sind vorbei› führt der Wiener Hans Weingartner (34), der 2001 mit ‹Das Weisse Rauschen› seinen ersten Spielfilm vorgelegt hatte. Ihm gelingt dank einer heterogenen Besetzung und einer clever, immer wieder ironisch verbrämten Inszenierung das Porträt von zeitgenössischen Jugendlichen, die zwar gesellschaftliche Feindbilder haben, jedoch anders als die SympathisantInnen der klassischen Protestbewegungen der Sechziger- und Siebzigerjahre über kein plausibles ideologisches Rüstzeug verfügen, das ihre Handlungen auch nur im Ansatz rechtfertigen würde.

Weil vieles vom Zufall abhängt, entbehrt die ganze Angelegenheit nicht einer gewissen Komik. Bald wird etwa ersichtlich, dass der nicht unsympathische Hardenberger (glänzend gespielt vom Theaterschauspieler Burghart Klaussner) aufgrund früherer Erfahrungen rasch kapiert, dass er trotz der wenig komfortablen Lage Trümpfe in der Hand hat: Dem Revoluzzer von einst kann in Sachen Protest gegen das Establishment schliesslich kaum eine/r etwas vormachen. Kommt dazu, dass er – je länger der Aufenthalt auf kleinstem Raum auf der Alp dauert – erkennt, dass das Kernthema nicht die abstrakte politische Klassenkampf-Diskussion ist, sondern die Tatsache, dass es allenthalben gewaltig menschelt: Hardenberger (der jovial immer wieder betont, dass sein Herz politisch auch auf der linken Seite schlägt) registriert, dass es im emotionalen Getriebe der Dreierkiste arg knirscht. Logisch: Wenn zwei Männer plötzlich ihre Liebste teilen sollen, kommt einiges durcheinander.

Und so liegt die Faszination von ‹Die fetten Jahre sind vorbei› auch in der kammerspielähnlich abgehandelten Frage: Wer kriegt die Frau? Und letztlich in der Dialektik zwischen politischen Gefühlen und der Politik der Gefühle. Das ist zwar nicht ganz neu, aber allemal anregend und intelligent gemacht.
| Michael Lang