Mit Feuer, Chor und Blech | Neue CDs aus Basel
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«Zu Weihnachten schenkt man mir immer Platten / Ich brauch Krawatten / Neue Schuh!», klagt Georg Kreislers ‹Musikkritiker›. Bekleidungsfragen sind hier nicht das Thema. Stattdessen werden einige als Geschenk geeignete CDs vorgestellt – alle von KünstlerInnen aus der Region. Das ist vielleicht etwas lokalchauvinistisch. Die ausgewählten MusikerInnen sind es dafür ganz und gar nicht.

Ken Zuckerman etwa ist ein Wanderer zwischen den Welten, einerseits einer der besten Sarod-Spieler, anderseits Spezialist für Laute und improvisierte Musik des Mittelalters. Seine CD ‹Nature of Ragas – Ragas of Nature› enthält acht Stücke, die von Naturstimmungen inspiriert sind. Alle sind vergleichsweise kurz – eine Konzession an europäische Hörgewohnheiten? Ken Zuckerman improvisiert virtuos und expressiv; sein Partner Anindo Chatterjee lässt seine Finger förmlich auf der Tabla tanzen. Wer mag, kann sich beim Hören je nach Sonnenstand und Wetter die passenden Ragas aussuchen – das Booklet hilft dabei. Man kann sich aber auch einfach von der sinnlichen Schönheit dieser Musik forttragen lassen.

Nach Argentinien führt die neue CD von Estufa Caliente. Das Basler Tango-Orchester spielt in der traditionellen Formation mit drei Bandoneons, Streichern und Klavier neue, farbige Arrangements von Stücken der Vierzigerjahre. Als Gast wirkt die Sängerin und Bandoneonistin Susana Ratclif aus Buenos Aires mit. Das ist zweifellos authentisch und wird hervorragend gespielt. Trotzdem: Mir sind die Aufnahmen etwas zu gepflegt; ich vermisse die latente Aggressivität dieser Musik und ihre erotische Verführungskraft.



Wildes und Stilles

Traditionellen Tango hört man auf dem Debütalbum der Gruppe Tango Crash um Daniel Almada und Martin Iannaccone nur noch in Fragmenten. Sie wirken wie Zitate in einer musikalischen Welt, die von Jazz, DJ-Kultur und zeitgenössischer Elektronik bestimmt wird. Die beiden Bandoneons, Klavier, Cello, Sopransaxophon und Percussion gehen dabei aparte Verbindungen ein, die von der Elektronik verfremdet und erweitert werden. Stimmungsvolle, sinnlich gespielte Balladen stehen neben von harten Beats unterlegten Klangcollagen. Eine spannende Musik – aber nichts für Tango-PuristInnen.

Einen geglückten musikalischen Spagat unternimmt auch The Amber Ensemble (Ex-Ensemble La Tina) auf seiner ersten CD ‹Ambar› und verbindet Flamenco mit Klezmer und osteuropäischer Folklore. Raukehliger Gesang und stampfende Rhythmen kontrastieren mit den expressiven, melancholischen Linien von Akkordeon und Violine.

Doch Entdeckungen sind auch in der Region möglich, wie eine Einspielung mit Werken des Elsässers Jacques Christian Michel Widerkehr beweist. 1759 in Strassburg geboren, wirkte er vor allem in Paris, wo er 1823 starb. Die CD präsentiert zwei seiner Duosonaten und zwei Bläsertrios, frische, ideenreiche Musik zwischen Rokoko und Romantik. An Haydn geschult, erinnert sie gelegentlich an Schubert und die empfindsamen Kantilenen Bellinis. Der Oboist Omar Zoboli, Felix Renggli, Flöte, der Fagottist Alberto Guerra und Jean-Jacques Dünki am Fortepiano musizieren ausdrucksvoll und lebendig.



Festliches und Heiteres

Natürlich gehört in diese Auswahl auch ein Weihnachtsalbum. Zum Beispiel jenes der von Georg Hausammann geleiteten Chorgemeinschaft Contrapunkt aus Muttenz mit Weihnachtsgesängen aus aller Welt. Der Chor singt diese Auswahl klangvoll, sauber und ganz schlicht. Die Musiker Lukas Rohner und Thomas Weiss geben mit ihrem reichen, teilweise selbst entwickelten Instrumentarium (Angaben dazu fehlen im Booklet leider!) einigen der Lieder ein stimmiges Klanggewand. Dazwischen spielen sie eigene Kompositionen, deren Titel mit einem Augenzwinkern auf die Weihnachtsgeschichte verweisen, auch auf jene Details in der Erziehung, welche die Bibel verschweigt: «Dr erscht Chlapf und s erscht Bad». So ist eine Weihnachtsplatte entstanden, die weder bieder noch kitschig ist, dafür aber viele eigene Töne und Farben aufweist.

Und nach den Feiertagen, wenn das Januarloch aufzureissen droht? Dann hilft, als musikalische Sicherheitsnadel quasi, die erste CD des Basler Sicherheitsorchesters. Zu seinem Zwanzigsten hat sich das alternative Blasorchester von den Demos und Erst-Mai-Feiern weg ins Studio begeben und mit hörbarem Vergnügen seine Lieblingsstücke aufgenommen. Mit sattem Sound und gekonnten Soli fegen die 15 Damen und Herren durch ihr Repertoire, und man glaubt sich nicht erst dann in einem Fellini-Film, wenn auch Nino Rotas ‹Otto e mezzo› erklingt. Diese Platte rettet noch den trübsten und kältesten Januarabend! | Alfred Ziltener



Zuckerman/Chatterjee: ‹Nature of Ragas›, LMT CD 3007

Estufa Caliente, ‹Trenzas›, recrec. CD-Taufe und Konzerte: So 30.11., 19.15, und Di 2.12., 20.15, Theater Basel, Kleine Bühne

Ensemble Tango Crash, ‹Tango Crash›, GM0003

The Amber Ensemble/La Tina, ‹Ambar›, LCOWR101. Produktion ‹Del Fuego› und CD-Taufe ‹Ambar›: Do 11. bis Sa 13.12., 20.30, Gundeldingerfeld (mit Feuerperformance von Hanno Schwarz)

Widerkehr, pan classics 510 119

Chorgemeinschaft Contrapunkt, ‹Zu Bethlem überm Stall›, ZYT 4876.

Sicherheitsorchester, ‹Aber sicher!›, sichimusic 010303