Wunden, Narben, Wörter | Buchbesprechung
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Sainab Gaschajewa sammelt Seelen. Nicht tote, sondern lebendige, ihr zugängliche, «solche mit Riss». Sie ist Tschetschenin, ihr Land wird seit bald zehn Jahren von Russland systematisch zerstört, und sie hofft, dass «eine Welt, die sich erschüttern lässt», dagegen noch zu aktivieren ist. Und deshalb geht diese Frau, die «mehr gesehen hat, als Gott ausdenken kann», für ihr Volk «Freunde sammeln an der Westfront»: reist durch den heilen reichen Westen und zeigt die Bilder vor, die sie aufgenommen hat von den Verwundeten, Vergewaltigten, Gefolterten, von Toten und Zerstückelten, von zerstörten Häusern und verminten Landschaften, und sagt, «verzeiht, dass ich euch traurig machen muss», zu jenen, die ihr überhaupt zuhören. Denn «Europa lebt für sich», das merkt sie schnell, und für den Auftritt, die Klage vor der UNO-Menschenrechtssession stehen ihr genau drei Minuten Redezeit zu, und sie muss die diplomatischen Sprachregelungen beachten, darf zum Beispiel das Wort ‹Genozid› nicht benutzen.

Sainab Gaschajewa ist die Titelheldin von Irena BrezŠnás neuem Buch, und ihr ist die Artikelsammlung auch gewidmet. Die Autorin erweist sich darin – nicht unerwartet – als eine Seelenverwandte der tschetschenischen Menschenrechtlerin. «Mich ziehen kollektive Heimsuchungen an, deportierte Völker, Genozid, Flüchtlinge, Diktaturen», gesteht sie selbst: Sie kennt als Emigrantin das Gefühl der Entwurzelung und hat sich bis heute «das Recht auf Fremdheit» bewahrt, auf den unvoreingenommenen Blick. Sie nimmt uns mit nach Tschetschenien und Russland, kurz auch in ihre Basler Umgebung und in ein Schweizer Fremdenpolizeibüro, dann aber vor allem in abgelegene und vergessene Regionen im südlichen Osteuropa, in so genannt politisch «defavorisierte Zonen», wo Minderheiten mit dem zu (über)leben versuchen, was ihnen noch geblieben ist: karges Land, zäh aufrecht erhaltene Traditionen, ethnischer Stolz und bescheidenste Träume. Deutsche in Siebenbürgen, Slowakinnen in Rumänien, Goralen in Südpolen, Slaweninnen in Moldawien und Transnistrien, Ruthenen in der Ostslowakei: Ich musste die Gegenden suchen im Atlas. Irena BrezŠná kennt sie und fährt hin, geht zu den Menschen, lässt sich auf sie ein und berichtet uns von ihnen.

Es ist ein Berichten, das klug das Erlebte ordnet und doch vor allem durch den Körper geht. Irena BrezŠná will das ihr Fremde «erriechen, erweinen, erhören, ersehen», sie liest die Körper der Menschen, denen sie begegnet, und deutet deren Gezeichnetsein mithilfe ihres eigenen Körpers, der immer auch der Körper einer Frau ist, was sogar nationale Konstellationen als Geschlechterverhältnisse verstehbar(er) macht – entlarvend etwa die Analyse Russlands in ‹Matuschka Rossija und ihr Sohn› oder die Beschreibung der Massenvergewaltigungen in Tschetschenien als Übergriff auf einen ‹nationalen Körper› –, und es ist ein Berichten, dem die selbstbewusste Kraft poetischer Sprache zur Verfügung steht. Eine Sprache, die fliesst und verwebt: die private Nahaufnahme mit der politischen Totale, das Sachliche mit dem Traum, das Entsetzen mit der Reflexion darüber. Und die Hoffnungslosigkeit – zuletzt – doch auch mit Hoffnung und Trost. | Verena Stössinger



Irena BrezŠná, ‹Die Sammlerin der Seelen. Unterwegs in meinem Europa›. Aufbau-Verlag, Berlin, 2003. 207 S., kt., CHF 28.10

Ausserdem: Buchautorin und Rezensentin lesen im Rahmen der Aktion ‹Wunschlos› ihre Lieblingsmärchen: Sa 20.12., 14.00 (Irena BrezŠná), 16.00 (Verena Stössinger), Rathaus-Innenhof.