Eine ironische Sozialsatire aus England zeigt, dass Lust und Liebe kein Alter kennen.
May und Toots sind um die Sechzig und seit ewig ein Ehepaar. Was man zusammen tut, ist zur Routine geworden. Auch die sporadischen Ausflüge nach London, wo man Kinder und Enkel besucht. Für sämtliche Beteiligten sind diese Treffen lange schon eher lästige Pflicht denn Kür: Die Beziehungsfäden sind dünn geworden, zu sagen hat man sich über die Generationen hinweg nicht mehr allzu viel. Für Sohn Bobby, seine Frau und die Kinder sind die Stippvisiten der Grosseltern nur eine zusätzliche Belastung in ihrem stressvollen Yuppie-Alltag. Und für die allein erziehende Paula ist jede Begegnung mit ihrer Mutter aufgrund unbewältigter Jugendkonflikte ohnehin eine schmerzvolle Sache. Doch plötzlich ergibt sich eine neue Situation. Opa Toots erleidet im Haus des Sohnes eine Herzattacke und stirbt. Nun ist – wenigstens pro forma – Familiensolidarität gefordert. Weil die erschütterte May vorerst nicht mehr allein in ihrem Häuschen ausserhalb wohnen will, offeriert ihr der Sohnemann halbherzig das Gästezimmer als Bleibe – vorübergehend natürlich.
Damit wäre eigentlich die Basis gelegt für ein schwerblütiges Drama. Aber Autor Hanif Kureishi – auch Regisseur des hoch gelobten Dramas ‹My Beautiful Launderette› – hat anderes im Sinn. Er mutiert die trauernde Oma May flugs zur lustigen Witwe: Im Herbst ihres Lebens kommt sie nämlich auf die Idee, nochmals am Kelch der körperlichen Lüste zu nippen. Mit gutem Grund, denn das virile Objekt ihrer Begierde ist praktischerweise im Haus als Handwerker beschäftigt: der verschlampte, aber sympathische Darren. Ein fescher Kerl, der gegen die deutlichen Avancen der weit älteren May nichts einzuwenden hat. Bald turtelt das Pärchen wie wild, doch die Sache hat einen Haken. Darren ist nämlich nicht irgendein Mann, sondern ausgerechnet der Liebhaber von Mays Tochter Paula. Fürwahr, eine delikate Ausgangslage mit reichlich emotionalem Zündstoff.
Karikatur ohne Schrillheit
Inszeniert hat diese bittersüsse Tragikomödie der mit dem Kassenhit ‹Notting Hill› bekannt gewordene Roger Michell. Ihm gelingt es nun, das mittelständische Londoner Milieu augenzwinkernd zu karikieren. Und unverkrampft, ohne voyeuristische Peinlichkeiten die Liaison zwischen May und Darren ins Bild zu setzen. Obwohl in ‹The Mother› nicht alle Charaktere und Handlungsstränge überzeugen können, sich zuweilen Melodramatisches einschleicht, ist der Film stimmig.
Und es wird klar, dass auch Regisseure der jüngeren britischen Generation ein hoch entwickeltes Gespür dafür haben, wie man ‹Menschen aufs Maul› schaut. Eine Fähigkeit, die in Filmen von Könnern wie Ken Loach oder Mike Leigh seit Jahrzehnten zum Tragen kommt. Auch Roger Michell hat dabei erkannt, dass eine intelligente Milieusatire weder eine aufgepeppte Form noch schrille Töne braucht, um überzeugend zu wirken. Gewiss: Ein Loach hätte ‹The Mother› sozialpolitisch schärfer, ein Leigh psychologisch tief schürfender angelegt. Dafür legt Michell ironisch-schalkhaft den Finger auf die Schwachstellen alltäglicher Beziehungsmuster. Und mit Anne Reid und Daniel Craig hat er ein mutiges Darstellerduo gefunden, das allein schon den Besuch dieses feinen Films lohnt. | Michael Lang
Der Film läuft ab ca. 9.10. im Kultkino Club




