Das Lörracher Theater im Burghof zeigt mit ‹Nie wieder› ein Stück, das vom Drang zum Aufbrechen und missglückten Reisen erzählt.
An die Ostsee? Mit dem Zug? Wie fad! Reiseziele müssen nach was klingen, nur mit dem ‹Flieger› erreichbar sein, als Statussymbole taugen. Dass die in der Ferne vorgefundene Realität mit dem Bild, das man sich machte, selten übereinstimmt, der Aufbruch zu neuen Ufern allzu oft von kleinen und grösseren Katastrophen überschattet war, erzählt man beim Dia-Abend nicht so gern.
Das Thema Reisen gibt viel her. Alltagsgeschichten, Soziologisches, Philosophisches. In Lörrach ist es jetzt Basis eines Theaterprojekts. Anknüpfend an das Dreiland-Werktheater, das unter der Leitung von Lee Beagley in der Vergangenheit die Inszenierungen ‹Die Heimkehrer› und ‹Hotel Savoy› mit Profis aus der freien Szene und AmateurInnen aus der Region erarbeitete, entsteht am Burghof eine Eigenproduktion unter der Regie und nach einem Buch von Vaclav Spirit und mit Musik von George Ricci. ‹Nie wieder. Missglückte Reisen› bereitet zur besten Ferienzeit auf die schönsten Wochen des Jahres vor, nicht als moralinsaurer Aufruf zum politisch und ökologisch korrekten Tourismus, sondern mit Witz und Lust am Skurrilen.
Ursprünglich sollte, so die Idee von Lörrachs Kulturreferent und Burghof-Chef Helmut Bürgel (½Interview S. 6), der als Dramaturg die Produktion begleitet, das Stück Teil eines vernetzten Kulturprojektes sein, das die ganze Stadt mit einbezogen hätte. Haushaltseinschnitte liessen davon nur mehr die Theaterproduktion übrig – die freilich klingt spannend genug.
Entlarvende Situationen
Drei Geschichten laufen parallel. Ein Paar bricht auf, die Silberne Hochzeit in den Anden zu feiern – beim Skifahren im Hochsommer. Der Flug ans Traumziel wird wegen eines Sturms verschoben, die Eheleute sind zu einer Übernachtung gezwungen. Eine geistig Verwirrte braucht einen beschützenden Begleiter, damit sie bei ihren Reisen nicht verloren geht. Für zwei weitere Ferienhungrige fängt die Reise im Stau an, die Fähre geht ohne sie ab, ein Spiel beginnt, aus dem beide nur mehr mit Mühe herausfinden. Die drei Paare treffen sich im gleichen Hotel in einem gottverlassenen norddeutschen Nest, in dem auch ein wandernder Musiker (George Ricci) abgestiegen ist, ein Reiseprofi ohne wirklichen Heimathafen. In der Hotel-Bar-Rezeption kommt es zu grotesken, zu entlarvenden Situationen, aus denen ein Teil der AkteurInnen beschädigt hervorgeht. «Scheissreisen, nur Stress. Ich sags dir, nie wieder!»
Eingebettet in eine ebenso einfache wie wirkungsvolle und flexible Szenerie aus Podesten und Koffern entwickelt sich ein leichtfüssiges, gleichwohl Existenzielles auslotendes Spiel, das bei aller Skurrilität an viel Wohlbekanntes rührt. Dabei hat das Publikum die Gelegenheit, sich mit dem eigenen, kaum bezähmbaren Drang nach Ortswechseln auseinander zu setzen.
Theater als Gastspiel kommt im Burghof-Programm kaum mehr vor, Theater als jährliche Eigenproduktion aber kann Helmut Bürgel sich vorstellen – unter Umständen mit wechselnder Leitung und wechselndem Ensemble. Unter dem neuen Namen Theater im Burghof ist das Projekt ‹Nie wieder› die Premiere. | Sabine Ehrentreich
‹Nie wieder›: Do 12.6., 20.30 (Premiere) bis Sa 21.6., Theater im Burghof, Lörrach




