Zum dritten Mal nach 1990 und 1995 legt der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft einen Bericht und Perspektiven zur zeitgenössischen Kunst- und Kulturförderung vor; das ‹dossier kultur.bl› deckt den Zeitraum für die Jahre 2002 bis 2005 ab. Ein Gespräch mit Niggi Ullrich, dem Leiter der Hauptabteilung Kulturelles im Baselbieter Amt für Kultur, über die Zukunftsperspektiven der regionalen Kulturpolitik.
ProgrammZeitung: Das Schauspielhaus Zürich sitzt in der Klemme, und der Kanton Zürich springt mit zwei Millionen Franken ein. Da könnte Basel neidisch werden.
Niggi Ullrich: Das ist eine spektakuläre Einstiegsfrage aus aktuellem Anlass zum immer selben Thema, wenn über Baselbieter Kulturpolitik gesprochen wird. Das Geld stammt aus dem kommunalen Lastenausgleichsfonds zwischen der Stadt Zürich und ihrem Umland; es ist also Geld, das die Gemeinden von Gesetzes wegen schon eingezahlt haben. Nur: Leider reichen die zwei Millionen zur ‹Rettung›(!) des Schauspielhauses nicht aus. Wie immer! Es reicht nie, das scheint in Zürich nicht anders zu sein.
Aber es gibt diesen Lastenausgleichsfonds in der Grössenordnung von 35 Millionen Franken, zu dem ja noch 55 Millionen Subventionen ans kantonalisierte Opernhaus kommen. Auch in Bern zahlt das Umfeld ein Vielfaches mehr an die Zentrumsleistungen in der Stadt als hier ...
Solche Vergleiche sind problematisch. Durch die Agglomerationen von Bern und Zürich führen keine Kantonsgrenzen. Das ist ein gewichtiger politischer Unterschied. Innerhalb eines Kantons verläuft das Spiel zwischen den Gemeinden und der Stadt anders. Beim Opernhaus handelt es sich überdies nicht um einen Lastenausgleich, sondern um eine Lastenverteilung. Der Kanton Zürich hat die Oper ganz übernommen, während die Stadt für die anderen Zentrumsinstitutionen allein zuständig ist. Unter dem Stichwort Lastenteilung könnte ich mir im Hinblick auf eine Erweiterung oder Neudefinition des Kulturvertrags auch bei uns durchaus einiges vorstellen.
Das neue ‹dossier kultur.bl› gibt sich zurückhaltend, was den Lastenausgleich oder die Lastenteilung angeht.
Wenn wir den ‹landesüblichen› Anteil der Gemeinden weglassen, dann ist die Kulturvertragspauschale aus dem Kanton Basel-Landschaft an die kulturellen Zentrumsleistungen in der Stadt respektabel – vielleicht nicht ausreichend, aber angemessen. Der Kanton schneidet im gesamtschweizerischen Vergleich bei den Kulturausgaben gut ab, was für seine Gemeinden indes eher nicht zutrifft. Als der Kanton begann, aktiv Kulturpolitik zu betreiben, hoffte er darauf, dass die Gemeinden im Schlepptau mitziehen. Da ist aber mit wenigen Ausnahmen nicht viel geschehen. Die Vorortsgemeinden sind zu klein, um Kulturpolitik als Teil der öffentlichen Aufgabe zu verstehen. Sie findet auf der politischen Agenda schlicht nicht statt, weder ‹innen- noch aussenpolitisch›. Mit Ausnahme der vorbildlichen Engagements im Bereich der Jugendmusikschulen gibt es keine nennenswerte kommunale Tradition in Sachen Kulturpolitik – leider.
Wie will der Kanton die Gemeinden stärker einbeziehen?
Wir müssen die Diskussion erst richtig lancieren. Wir haben die Vorstellung nach mehr Mitverantwortung im ‹dossier kultur.bl› formuliert. Das ist ein Anfang, der bereits Reaktionen ausgelöst hat. Zum ersten Mal sind an der Delegiertenversammlung des Musikverbandes kritische Töne gegenüber den Gemeinden gefallen. Die kommunalen Vereine monieren, dass sie von den Gemeinden nicht mehr genügend unterstützt würden. Es ist Zeit für eine Demarche, die das kulturpolitische Zusammenspiel zwischen den Gemeinden und dem Kanton definiert und umsetzt. Dabei geht es nicht hauptsächlich und dringlich um die Zentrumsleistungen nach Basel, sondern um die Skizzierung und Fokussierung von Kulturpolitik in den Gemeinden.
Glauben Sie denn, dass sich hier etwas bewegen wird?
Von heute auf morgen sicher nicht. Und sicher auch nicht, indem einfach Einzahlungsscheine gedruckt werden. Es muss erst ein Bewusstseinsprozess in Gang gebracht werden. Die GemeindepolitikerInnen müssen regelmässig mit dem Thema Kultur konfrontiert werden. L’appétit vient en mangeant. Das hat man in Luzern sehr schön gesehen. Das geschah bei uns bis anhin viel zu wenig. Angesprochen sind natürlich vornehmlich jene Agglomerationsgemeinden, in denen es auch finanziellen Spielraum gibt. Diese Gemeinden sollten eigene kulturpolitische Grundsätze entwickeln und könnten neben ihren Aktivitäten vor Ort auch Patenschaften in Basel übernehmen. Dafür gibt es schöne Vorbilder.
Die Baselbieter Kulturpolitik ist eine Politik von vielen kleinen Partnerschaften. Existiert die Vision einer grossen Partnerschaft, einer Kulturpolitik beider Basel?
Ich halte mich in dieser Hinsicht an Herrn Regierungsrat Peter Schmid und sage: Eine Vision ist die klare Vorstellung des nächsten Schrittes. Meine Vision ist, dass die Gemeinden bereit sind, sich in eine Diskussion über Kulturpolitik einzulassen, die den Namen verdient. Und eine fusionierte Kulturabteilung beider Basel, zuständig für beide Kantone, ist für mich keine Vision, sondern eher ein pointierter Wunsch. Aber der steht auch nicht im Dossier ...
Das ‹dossier kultur.bl› ist eine Art Rechenschaftsbericht. Ist es ein Vermächtnis von Peter Schmid?
Ein kulturpolitisches Vermächtnis? Ich weiss nicht. In diesem Dossier steht nach meiner Ansicht das drin, was unter dem Begriff Kulturpolitik im Baselbiet definiert ist und in den nächsten vier Jahren konkret stattfinden soll. Mehr nicht. So konkret wie nötig und so transparent wie möglich.
Im Bericht steht auch das Motto: «So wenig wie möglich, so viel wie nötig». Ist so die Kulturpolitik BL auf den Punkt gebracht?
Das steht im Kapitel über die Finanzen und ist eher eine Formel als ein Motto.
Aber Kulturpolitik ist doch in erster Linie Kulturförderungspolitik und damit Finanzpolitik ...?
Wenn ich zusammenfassen müsste, was wir erreicht haben: Es ist uns relativ schnell gelungen, die Kulturpolitik des Kantons nicht als Angelegenheit des Baselbiets, sondern als eine der Region zu definieren. Das betrifft nicht nur die Zentrumsleistungen in der Stadt. Dazu gehört die Sanierung des römischen Theaters, dazu gehört der Neubau der Kantonsbibliothek. Und dazu gehört aktuell, dass der Kanton, der für die Kulturpolitik kein eigentliches, aber wichtiges städtisches Zentrum besitzt, in der Region betreffend Musikförderung die Federführung oder zumindest Meinungsführerschaft übernommen hat – also in einer Sparte, die sehr viel kreatives Potenzial hat.
Kommt mit dem Thema Musik jetzt nach vielen kleinen Schritten der grosse Wurf?
Finanziell ist das Ganze nicht so gigantisch. Inhaltlich aber geschieht einiges. Der Musikbahnhof Gare du Nord etwa ist der Versuch, einen bisher nicht existierenden neuen Ort für Musik in der Region zu kreieren. Tolle Räume gibt es zwar einige. Wir aber wollten einen attraktiven Ort für die Musik schaffen, für die MusikerInnen und das Publikum. Das stand schon lange an, besonders nach dem erfolgreichen Europäischen Musikmonat.
Gare du Nord war eine grosse Geste. Baselland hat selbstbewusst ein neues Zentrum in die Stadt gepflanzt.
Die grosse Geste haben andere daraus gemacht. Materiell ist sie nicht so riesig. Uns ging es darum, diesem Engagement für die Musik eine zeitgenössische Kontinuität zu geben. Und wir haben bei dem Projekt – das ja präzis gesehen nicht auf baselstädtischem, sondern auf deutschem Boden steht! – die richtigen Partnerinnen gefunden. Es stimmt, dass wir hier aus einer Art Nische herausgetreten sind und begonnen haben, für die Musikpolitik einen richtigen Pflock einzuschlagen.
Der Fokus bleibt auf Musik. Jetzt folgt die Übernahme der Subventionen für die Basel Sinfonietta.
Ich habe vorhin das Wort Patenschaft verwendet. Das Projekt hat diesen Charakter. Es soll zeigen, dass wir uns in einer Sparte stark engagieren können/wollen. Das könnte durchaus Signalwirkung für die Gemeinden haben. Die Übernahme der Sinfonietta-Subventionen ist inhaltlich und nach prioritären Kriterien begründet und erst in zweiter Linie eine Entlastung des Basler Budgets. Im Übrigen ist die alleinige Finanzierung einer Institution mit regionaler Dimension nicht neu. Ich erinnere an das Junge Theater Basel, den Rockförderverein und das Tanz Ensemble Cathy Sharp.
Wie geht es beim Schwerpunkt Musik weiter?
Der Gare du Nord ist neu, die Sinfonietta muss erst kulturpolitisch umgesetzt werden. Das braucht Zeit.
Das Ensemble Phoenix würde doch sehr gut zum Gare du Nord passen?
Würde gut passen. Ankündigungspolitik ist aber nicht unsere Sache. Konkret zur Debatte steht noch der gemeinsame Fachausschuss Musik, analog zu den Sparten Theater, Film und Literatur. Das hat sich mit Basel-Stadt partnerschaftlich bewährt und soll fortgesetzt werden.
Die Fragen stellten Dominique Spirgi und Dagmar Brunner.
Das ‹dossier kultur.bl› ist zu beziehen unter T 061 925 50 67 oder per Email: kulturelles@ekd.bl.ch.
Niggi Ullrich, geboren in Basel, wohnhaft in Arlesheim, verheiratet, sieben Kinder. Regisseur, Veranstalter, Kulturbeauftragter BL seit 1988. Mitbegründer der ‹Wintergäste› (seit 1989), Projektleiter/Initiant von ‹500 Jahre keine Schweiz ohne uns› (2001), des ‹Europäischen Musikmonats› in Basel (2001) und ‹Basel klingt gut› an der Expo.02 in Yverdon.




