Metropole Dezember 02 | Projekt Venedig
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Haben Sie sich schon mal gefragt, weshalb es in der Stadt keinen öffentlichen Verkehr für Güter gibt? Letzten Monat schlug ich an dieser Stelle den Basler City-Geschäften vor, mit innovativen und überraschenden Angeboten ihre Attraktivität zu steigern, anstatt sich über die längeren Öffnungszeiten der benachbarten Konkurrenz zu ärgern. Das Beispiel für einen solchen Service bin ich schuldig geblieben. Hier ist es: «Kaufen Sie bei uns ein – die Ware ist schon bei Ihnen zuhause, wenn Sie dort ankommen!»

Interessant wäre diese Offerte für KundInnen, die mit dem öffentlichen Verkehrsmittel anreisen. Um das Versprechen einzulösen, braucht es natürlich eine ausgeklügelte Logistik. Für einen wirtschaftlichen Betrieb müssten Anlieferung, Auslieferung, Versorgung und Entsorgung eng miteinander verzahnt sein. Heute sind Lastwagen, welche die Basler Innenstadt bedienen, zu weniger als 30 Prozent gefüllt. In Zukunft müssten neuartige, emissionsarme Lastwagen, die Waren bringen, auch Abfälle und auszuliefernde Güter wieder mitnehmen. Eine Utopie? Venedig beweist, dass es geht.

Das historische Zentrum der italienischen Lagunenstadt zählt 70 000 EinwohnerInnen und täglich im Durchschnitt 30 000 Gäste. Die Güter zirkulieren, ohne Bevölkerung oder TouristInnen in ihrem Wohlbefinden wesentlich zu beeinträchtigen. Vom logistischen Standpunkt aus ist zudem bemerkenswert, dass in Venedig teilweise die gleichen Fahrzeuge Personen und Güter transportieren.

Venedig unterscheidet sich natürlich in vielen Punkten von Basel. Es gibt aber Parallelen: Die gewerblichen und räumlichen Strukturen der Basler Innenstadt sind über Jahrhunderte gewachsen; ein Umbau ist aus Gründen des Heimatschutzes kaum denkbar. Das Verkehrsregime ist – zum Schutz der zu Fuss Gehenden – zunehmend restriktiv (Sperrzeiten, eingeschränkte Routenwahl, Einbahnstrassen, räumliche Konflikte mit anderen Nutzungen). Im Gegensatz zu Venedig wird der Güterverkehr aber nicht koordiniert, und seine Emissionen beeinträchtgen die Lebensqualität von AnwohnerInnen und KundInnen.

Von Venedig und anderen Städten wie Utrecht oder Monaco liessen sich Lehren im Hinblick auf ein nachhaltiges Güter-Transportsystem in Basel ziehen. Dieses muss hauptsächlich drei Kriterien erfüllen:

• tiefe Emissionen (durch saubere, leise Lastwagen, verkürzte Wege, Bündelung in wenigen Fahrzeugen und auf ausgewählten Achsen),

• Abbau zeitlicher Restriktionen für zugelassene Fahrzeuge (um die Akzeptanz zu fördern und Bürokratie zu vermeiden),

• hohe Wirtschaftlichkeit (um nicht auf Subventionen angewiesen zu sein).

Venedig in Basel muss keine Utopie bleiben – wenigstens nicht beim Gütertransport.

| Daniel Wiener