Der Tod bricht in eine Kleinfamilienidylle ein und konfrontiert die Hinterbliebenen mit eigenen Versäumnissen.
Giovanni ist kein unglücklicher Mann. Er ist mit der klugen und attraktiven Paola verheiratet, Vater der forschen Irene und des sympathischen, intelligenten Andrea. Giovanni ist als Psychoanalytiker darauf getrimmt, die Seelenprobleme anderer präzise zu durchschauen und mit seinen Therapievorschlägen genug Geld zu verdienen, um den Liebsten und sich selber ein angenehmes Leben zu sichern. Doch plötzlich bekommt die heile Kleinfamilienwelt einen Riss. Der Sohn wird verdächtigt, einen Diebstahl begangen zu haben. Die Ehefrau und die Tochter haben für den Anwurf kaum mehr als ein Lächeln übrig, beim Vater jedoch melden sich Zweifel: Aus beruflicher Erfahrung weiss er genau, dass in jedem Menschen dunkle Wesenszüge schlummern. Warum also nicht im eigenen Sohn, dessen introvertiertem Wesen er als sportiver, dynamischer Zeitgenosse sowieso mit skeptischer Ratlosigkeit gegenübersteht?
Zur überfälligen Aussprache und damit zur Annäherung zwischen Vater (Nanni Moretti) und pubertierendem Sohn (Giuseppe Sanfelice) kommt es nicht mehr. Der Junge ertrinkt bei einem Tauchunfall. Und die Tragödie markiert den Anfang der eigentlichen Geschichte, die Nanni Moretti wie immer mit sparsamsten filmischen Mitteln erzählt. Es ist die melodramatische und doch unsentimentale Chronik eines familiären Umbruchs– gesehen aus der Sicht eines Intellektuellen, der meint, alles im Griff zu haben. Und der einzusehen hat, dass ihn die verinnerlichte Selbstkontrolle vor nichts mehr schützt. Giovanni muss sich eingestehen, dass er im Umgang mit den eigenen emotionalen Defiziten gänzlich ungeübt ist. Dass er dem wuterfüllten, ungebremsten Schmerz der Gattin (Laura Morante) völlig hilflos ausgeliefert ist und zur Teenager-Tochter (Jasmine Trinca) keinen Draht hat. Auch im Berufsleben läuft ihm alles aus dem Ruder: Die Klientinnen und Patienten haben kaum Verständnis dafür, dass ihr Therapeut vom eigenen Leiden absorbiert wird und ihre Neurosen vernachlässigt.
Melancholische Beobachtungen von unten
Morettis Stärke liegt – bei aller Ernsthaftigkeit des Themas – einmal mehr in der verblüffenden, von charmanter Selbstironie geprägten Rekonstruktion des Alltagslebens. Und in ‹La stanza del figlio› besonders in der plausiblen Sichtbarmachung des Wandels angesichts einer Katastrophe. Obwohl man sich bemüht, vieles weiter so zu sehen, wie es (vielleicht nie) war, spüren Vater, Mutter und Tochter, dass im intimen Zusammenleben, bei gesellschaftlichen Anlässen und beruflichen Verpflichtungen der Tod des Sohnes und Bruders omnipräsent ist. Speziell das Elternpaar tut sich schwer, zu akzeptieren, dass die Tricks der mittelständischen Überlebensstrategie nicht mehr ausreichen, eine Balance der Gefühle vorzutäuschen.
Nanni Moretti – Regisseur, Autor, Schauspieler, Kinobetreiber und Veranstalter eines eigenen Filmfestivals – zählt zu den wichtigen Persönlichkeiten des italienischen und europäischen Filmschaffens. Im letzten Frühling hat er am Filmfestival von Cannes die Goldene Palme gewonnen. Überraschend zwar, aber nicht unverdient: Moretti gehört zu den wenigen KünstlerInnen, die in jedem Werk eine ethische Grundhaltung sichtbar machen. So auch in ‹La stanza del figlio›, wo er die Hauptfigur Giovanni mit dem Enthusiasmus eines Künstlers spielt, der eigene Probleme in seine Stoffe einfliessen lässt (und zuweilen auch Kritik an der politischen Situation seines Heimatlandes). Doch Moretti positioniert sich nie in der Rolle des besserwissenden Selbstgerechten, sondern wird zum Beobachter von unten, der mit ungläubigem Staunen den Gang der kleinen und grossen Weltläufe verfolgt. Darin ähnelt er Woody Allen, wirkt auch als bestandener Mann ein wenig wie ein grosser Bub, der sich den Launen des Lebens ausgeliefert sieht.
Morettis Filme sind eine Art Patchwork, zusammengesetzt aus humorvollen und melancholischen Kleinst-Episoden. Wie in ‹La stanza del figlio›, wo er zu ergründen sucht, was der Verlust eines geliebten Menschen für jeden Einzelnen in der Lebenspraxis bedeutet. Eine Antwort kann er nicht geben, aber er macht stilvoll und diskret sichtbar, dass Trauer um jemanden immer auch Trauer über eigene Versäumnisse meint. Das so zu sehen wie in diesem Film, hat etwas Tröstliches. | Michael Lang
‹La stanza del figlio› läuft derzeit im Studiokino Club




