Kenntnisreich würdigt Reinhardt Stumm die Geschicke der Komödie.
Die Fotografie der Steinenvorstadt aus der Schlaghosen-Zeit, deren Negativ den Umschlag des neuen Theaterbuchs aus dem Christoph-Merian-Verlag ziert, ist ein Dokument des Wandels: Noch ist das Kino Eldorado nicht umgebaut, noch existiert die alte ‹Küchlin-Klause›, noch – wird man bald anfügen – prangt der Schriftzug ‹Komödie› über dem Eingang des Hauses 69. Rechtzeitig zu ihrem Ende gibt der Verlag einen Rückblick auf das 50-jährige Bestehen dieser Bühne heraus. Verfasser ist Reinhardt Stumm, passionierter Theaterkritiker, pensionierter Redakteur der Basler Zeitung.
‹Fünfzig Jahre Ach und Krach› hat er sein Buch untertitelt und trifft damit ins Schwarze. Natürlich lesen wir von mutigen Spielplänen und glanzvollen Aufführungen mit grossartigen SchauspielerInnen, doch Stumms Interesse geht in eine andere Richtung. Sein Thema ist der dauernde Kampf um die Existenz der Komödie; seine bevorzugte Bühne ist das Rathaus, wo immer wieder neu über Sein oder Nichtsein des Theaters in der Steinenvorstadt entschieden wurde; seine (nicht unkritische) Bewunderung gilt dem hartnäckigen, geschäftstüchtigen Idealisten Egon Karter, dem Gründer und langjährigen Prinzipal, und einem Ensemble, das in den ersten Jahrzehnten eine geradezu unglaubliche Arbeit leistete. Zum Vergleich: 1951/52 brachte die Komödie 27 Stücke heraus; heute sind es noch neun!
Kunst und Konkurrenz
Detailliert zeichnet Stumm die Geschichte der Komödie nach, von der Gründung über die diversen Umbauten bis zur Fusion mit dem Stadttheater im Jahr 1968. Dafür hat er Kärrnerarbeit geleistet, Ratsprotokolle ausgewertet und Zeitungsarchive durchstöbert und erläutert nun sorgfältig Budgetfragen, Subventionsdebatten, Aktien- und Liegenschaftsverkäufe. Das ist manchmal nicht ganz einfach zu lesen, aber einfach waren die Verhältnisse um die Komödie nie. Schon allein die Beziehung zum Stadttheater: Bis 1954 war es Mieter der Bühne, und beide Ensembles wurden zum ‹Basler Schauspiel› unter Karters Leitung fusioniert. Nach 1954 betrachtete das etablierte Haus am Steinenberg den Newcomer als Konkurrenten und versuchte ihm möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Kompliziert waren auch die Finanzverhältnisse zwischen Karters Theater, der von ihm präsidierten Hausbesitzerin Komödie AG und seinem Tourneeunternehmen, das einzelne Aufführungen übernahm und den Gewinn erwirtschaftete, den Karter brauchte, um die Defizite seiner Bühne zu decken.
Stumm behandelt solche Fragen eingehend, doch nie trocken, nicht mit der Distanz des Theaterhistorikers, sondern als freundlicher Erzähler, der mit persönlichen Anmerkungen nicht spart. In fundierten Exkursen stellt er zudem das Geschehen in grössere Zusammenhänge, widmet sich den soziologischen Unterschieden zwischen dem Publikum des Stadttheaters und jenem der Komödie oder stellt Karters Bühne in den Kontext der Theaterneubau-Welle im Nachkriegs-Deutschland. Viele Fotos ergänzen den Text. Schade ist, dass dem Band ein Personenregister fehlt. Und wer, ums Himmelswillen, hat dem Verlag für gewisse Exkurse zu einem Blassblau geraten, das selbst mit der Lesebrille kaum zu entziffern ist? Am Schluss des Buchs erwartet die LeserInnen eine kleine Kostbarkeit: eine CD, auf welcher der legendäre Albert Bassermann die ‹Ringparabel› aus Lessings ‹Nathan› spricht. | Alfred Ziltener
Reinhardt Stumm, ‹Komödie Basel. 50 Jahre Ach und Krach›. Christoph Merian Verlag, 2001.
167 S. mit Abb. und CD, CHF 50.
Ausserdem: Egon Karter, ‹Theater ungeschminkt›. Opinio Verlag, 2001. 168 S., CHF 23.




