Wehe, wenn der Funke springt! | Abschied von der Komödie
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Ende Jahr geht die Komödie mit 50 Jahren in Pension. Viele Theaterfans haben hier unvergessliche Stunden zugebracht.

Für mich hat die Komödie heute ein messianisches Alter. Ein guter Zeitpunkt für einen Abschied? In die Unsterblichkeit? Mit Sicherheit ist es genau 33 Jahre her, dass ich dieses wunderbare Plüsch-Theater inmitten der Kinomeile, vorbei am Spalier von Pronuptia-Brautkleidern links und Bob-Dylan-LPs rechts, zum ersten Mal betrat. Nicht mehr beschwören kann ich, dass der Anlass jene legendäre ‹Godot›-Inszenierung von Hans Bauer war, die in gewisser Weise die Düggelin-Ära begründete. Sicher ist nur: Ich hab sie gesehen, als absoluter Theater-Frischling, blauäugig, unbedarft, Beckett war mir kein Begriff, mir fehlte jedes Referenzsystem, um dieses Theaterereignis einzuordnen, zu verstehen – und ich war (deshalb?) hin und weg. Theater hat mich seither nicht mehr losgelassen. Und irgendwie bleibt diese Komödie daran mitschuldig.

Wenns funkt im Theater, schmeisst man sein Zuschauerherz ja mitten auf die Bühne, wird wunderbar zwangsweise zum Mitspieler. Kronlachner und Beckmann als Didi und Gogo waren sicher umwerfend, aber ich wollte natürlich Peter Brogle als Lucky sein, Strick um den Hals, japsend bis zur Selbstauflösung, ein Götterbote des Unverständlichen. Wenig später am selben Ort: ‹Gerettet› von Edward Bond. Als die Jungs das Baby im Kinderwagen steinigen, läuft die Frau in der Reihe vor mir laut schreiend hinaus. Mein halbes Herz flieht mit, der Rest versucht standzuhalten. Vielleicht sind es solch frühe Prägungen, dass ich heute noch erwarte: Theater muss weh tun.

Seltsam, bei Filmen weiss ich später oft nicht mehr, in welchem Kino, in welcher Stadt ich sie gesehen habe. Theater aber bleibt immer mit einem ganz bestimmten Ort, einem definierten Raum verbunden, der das Erlebnis mitprägt. Hier sehe, spüre, rieche ich meine MitzuschauerInnen, übe mich mit dem Sitznachbarn im diskreten Kampf um die einzige Armlehne, ärgere mich über die Räusperer am falschen und freue mich über die Mitlacher am richtigen Ort. Theater ohne Publikum ist kein Theater.



Wunderwerke der Raumillusion

Von allen Theaterräumen ähnlicher Grösse, die ich kenne, ist die Basler Komödie der intimste. Unvergleichlich die Kompaktheit des Zuschauerraums, die unmittelbare Nähe zur Bühne. Nach heutigen Sicherheitsstandards hätte man allerdings mehr als ein Drittel der Plätze rausschmeissen und breite Gänge sowohl auf den Seiten als auch in der Mitte schaffen müssen. Das hätte die Intimität und die Proportionen des Raumes zerstört. Das wollte natürlich niemand. Folge: die wohl rigidesten Sicherheitsbestimmungen von allen Bühnen nördlich des Äquators. Denn etwas durfte nie, nie, nie passieren: dass ein wirklicher Funke ins Publikum gesprungen wäre. Bei einer Brandkatastrophe hätte in der Enge der Verhältnisse wohl kaum jemand die Komödie lebend verlassen können.

Für die grösste Herausforderung aber sorgte die Enge der Verhältnisse bei den BühnenbildnerInnen. Die Komödienbühne bietet nur rund sechs Meter Spieltiefe. Man messe das mal in seiner Wohnung ab! Und dann vergleiche man diese sechs Schritte mit seinen Erinnerungen an die unglaublichen Raumerfindungen, die zahllose KünstlerInnen in den letzten Jahrzehnten auf die wohl untiefste Stadttheaterbühne Mitteleuropas gezaubert haben. Wahre Wunderwerke der Raumillusion! Am stärksten blieb mir als Raum und als Inszenierung Castorfs ‹Aias› nach Sophokles hängen. Selten sind Ästhetik, Rhythmusgefühl und ideologische Dekonstruktion eine solch traumwandlerische Symbiose eingegangen wie hier.

Der unverwüstliche George Tabori nannte die Theater einmal die Fitnessstudios für unsere Sinne. Für mich und wohl ein paar zehntausend weitere Theaterfans war die Komödie in den letzten Jahrzehnten der wichtigste Ort der ästhetischen Sozialisation in Basel. Wer misst den Seelenschweiss, der hier in den letzten fünf Jahrzehnten abgesondert wurde? Das Schönste dabei: Diesen Schweiss kann man nicht wegputzen, er steht für die eigentliche Würde dieses Hauses. Das Traurige: Man kann ihn auch nicht einfach mitzügeln. Das muss man sich im neuen Schauspielhaus zuerst erarbeiten, als Spielende und als Zuschauende. Darauf – und auf ein wenig mehr Beinfreiheit – freue ich mich wie ein Kind. | Alfred Schlienger



Programm ‹Die letzten Tage der Komödie› siehe Dezemberheft Seite 16