Schreiben jüdische AutorInnen anders als nichtjüdische? Und jüdische Schweizer AutorInnen? Kann man solche Fragen überhaupt stellen und auf ergiebige Antworten hoffen? Rafaël Newman, in Zürich lebender Literaturwissenschaftler und Autor, hat sie gestellt und beantwortet sie jetzt mit einer Anthologie, die Mitte Dezember im Literaturhaus präsentiert wird. Und dass der Schweizerische SchriftstellerInnenverband das Vorhaben von Anfang an unterstützt hat, kann dabei als eine Art bescheidene symbolische Wiedergutmachung verstanden werden: Es war nämlich dieser Verband, der während der Zeit des Nationalsozialismus mit suggestiven Gutachten (mit) dafür sorgte, dass nur wenige ausländische jüdische AutorInnen über die Grenze kamen, weil die hiesigen Schreibenden die Konkurrenz fürchteten – literarisch und wirtschaftlich.
Inzwischen ist ein halbes Jahrhundert vergangen, aber natürlich ist die politische Vergangenheit, sind die Erinnerung an Verfolgung und Ausschluss, an Terror und Tod damit nicht getilgt. Und nicht das Bewusstsein, dass selbst die Schweiz kein Land ist, wo sich jüdische Menschen ganz selbstverständlich sicher und zugehörig fühlen können. Sie bleiben Aussenseiter. Das beschreibt und belegt das informative, ausführliche Nachwort des Herausgebers, der ‹jüdisches Schreiben› in der Schweiz in einen poetologischen und in einen historisch-politischen Kontext stellt.
Die Anthologie enthält Texte von achtzehn AutorInnen meist mittleren Alters. Bekannte Kunstschaffende sind darunter wie Jean-Luc Benoziglio, Luc Bondy, Daniel Ganzfried, Charles Lewinsky und die Baslerin Miriam Cahn. Nicht wenige Texte sind Auszüge aus Romanen, und ausser Erzähltem gibt es auch Lyrik und Dramatisches. Aus allen Beiträgen spricht Engagement und eine grosse Betroffenheit (hier passt das abgegriffene Wort wirklich); Erinnerungen, Tagebücher, Briefe und Erfahrungsberichte dominieren; Indignationsgeschichten, oft in der Ich-Perspektive und häufig mit allen Beglaubigungsmöglichkeiten, die fiktives Erzählen hat (Daten, Namen, Orte, Emotionalität). Dunkle Texte, auch wenn Witz aufblitzt, Hoffnungsbilder und Ironisches, gelegentlich auch grelle Frechheit (bei Marianne Weissberg etwa, wo sich ein zerstrittenes Paar mit «Freche Jüdinnenfotze!» und «Blöder Nazi!» beschimpft); selbst die Träume geraten zu Alpträumen und die Idyllen werfen Schatten.
Deutlich vorherrschend, fast durchgehend, sind realistische Schreibweisen; am kühnsten davon entfernt ist Miriam Cahns ‹was mich anschaut›, ein Text in Kleinschreibung und fast ohne Satzzeichen, der beklemmendste, erregteste Beitrag des Bandes, der eigentlich davon sprechen will, wie und warum Miriam Cahn Künstlerin wurde, jedoch über «soldaten(männer) / wägelchen / koffer / wasserkanister / holz / sarajewo / weinende frauen / picasso» ins Hetzen und Stolpern gerät, ins Insistieren und Beschwören; denn «naturgemäss», schreibt Cahn, weil sie jüdisch ist «und vielleicht auch weiblich und obwohl vollständig in der schweiz geboren», ist in ihr das Bewusstsein von Krieg, von Bedrohung und Tod, immer und überall: «so einfach ist es eben so einfach.» | Verena Stössinger
‹Zweifache Eigenheit›. Neuere jüdische Literatur in der Schweiz. Hg. Rafaël Newman und SSV. Limmat Verlag, 2001. 220 S., CHF 34. Buchpremiere: Mi 12.12., 20.00, Literaturhaus Basel.




