Nach dem Profi- wieder am Jugendtheater: Der Regisseur Rafael Sanchez inszeniert Claire Dowies ‹Tomboys› in Mundart.
Doch, ja, es mache einen Unterschied, ob er mit Laien am jungen theater basel arbeite oder mit den Profis vom Theater Basel, sagt Rafael Sanchez, aber entscheidend ist er für ihn nicht. Zwar sei bei den Laien «die Freude schon da», wenn man eine gemeinsame Arbeit angehe, diese «kindliche Freude am Theaterspielen», die bei den Profis jeweils erst (wieder) geweckt werden müsse – dafür sei die Umsetzung eines Konzeptes mit Profis leichter, das Springen in Spielszenen hinein, das Brechen und Ausprobieren unterschiedlicher Spielweisen; und beim Jugendtheater seien die Zuschauenden ungeduldiger, die würden den Spielenden schneller «Gummibärchen an den Kopf werfen» oder ungeniert anfangen, sms zu schreiben, wogegen das Stadttheaterpublikum höflicher und zurückhaltender sei. Wichtiger aber als diese Unterschiede sind ihm die Gemeinsamkeiten.
Rafael Sanchez inszeniert, weil er – der seine ersten Spielerfahrungen just am jungen theater basel machte – Freude hat, mit SchauspielerInnen zusammenzuarbeiten und gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. So einfach ist das, und so einfach sagt er es auch, und dabei sieht er vergnügt aus und ganz entspannt, obwohl er vor kurzem im Theater Basel Premiere hatte mit dem rasanten Migros-Projekt ‹Das Sortiment› und jetzt schon mitten in den Proben steckt zu einer neuen Produktion am jungen theater. Es handelt sich dabei um Claire Dowies Monolog ‹Tomboys oder Warum trägt John Lennon einen Rock› in einer Basler Fassung: dreistimmig und auf Schweizerdeutsch.
Rollenbilder, Rollenzwänge
Das Stück erzählt von einem Mädchen, das sich wie ein Junge verhält, in seiner Fantasie John Lennon ist, Röcke hasst und nicht daran denkt, in die «Aufgabe als zukünftige Frau und Mutter» hineinzuwachsen. Die Protagonistin wird in Basel von gleich drei Darstellerinnen gespielt, aufgeteilt in «Annigna, die eher frauliche», «Barbara, die eher burschikose» und «Anja, die eher rationalisierende»: Das beleuchtet ihr Verhalten gleichsam von verschiedenen Seiten. Verhandelt werden dabei Rollenbilder und -zwänge, und zwar, wie Rafael Sanchez meint, nicht nur weibliche; «in der Wurzel geht es alle an», sagt er.
Geprobt wird mit drei Absolventinnen der Theaterkurse des jungen theaters und des Theaters Basel. Und das ist denn auch die zweite Brücke über den institutionellen Graben zwischen Jugend- und Profibühne: Auch am Theater Basel hat Rafael Sanchez mit Laien gearbeitet, in guter Erinnerung ist sein SeniorInnen-‹Club 75›, mit dem er ‹Wer will mich› entwickelt hat und der auch in seiner Migros-Produktion auftritt. Mit diesem Team hat er zu arbeiten begonnen, als er Regieassistent war unter anderem bei Bachmann, Häusermann und Kriegenburg. «Bei denen habe ich am meisten gelernt», sagt er. «Andere kommen über die Theorie in die Praxis, ich habe gleich mit der Praxis angefangen. Und damit drei Jahre gespart.»
Hineingesprungen ist er bald in eigene Regiearbeiten, und seine Inszenierungen sind bis heute randvoll mit jener Theaterlust, die man nur deshalb ungern naiv nennt, weil das herabsetzend klingen könnte. Aber naiv ist sie doch: sehr direkt und unverkrampft, neugierig und menschenfreundlich. Und sie verbindet sich bei dem erst 26-Jährigen mit dem theatralischen Instinkt eines alten Hasen. | Verena Stössinger
‹Tomboys›: Sa 3.11., 20.00 (Premiere), junges theater basel siehe Novemberheft Seite 28




