Experiment Matterhorn | Neue Stücke im Raum 33
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Ursina Greuel sammelt und inszeniert für die Reihe ‹Anti-Schublade› ungespielte Stücke von Schweizer AutorInnen.

Zermatt ist schön. Alles in Zermatt ist schön. Die Berge, die Hotels, das Wetter. Die vier Urlaubsgäste, die wie jedes Jahr ins Wallis fahren. Und es immer wieder schön finden. Sie reden unablässig – über die Schönheit der Berge, der Hotels, des Wetters. Reden, reden, reden, pausenloses Gerede. Bis? Das Ende ist noch nicht abzusehen, die Proben haben erst begonnen. Seit wenigen Tagen studieren die vier SchauspielerInnen (Sabina Frey, Kristian Krone, Markus Mathis und Franziska von Fischer) und die Klangkünstlerin (Margrit Rieben) unter der Regie von Ursina Greuel Beat Sterchis ‹Das Matterhorn ist schön› ein. Ein Stück aus der Schublade des Berner Schriftstellers, für die Reihe ‹Anti-Schublade› des Raums 33. Zusammen mit Lukas Holliger betreut Ursina Greuel diese Reihe seit etwas über einem Jahr – ein zunehmend erfolgreiches Unternehmen, ungespielte Stücke von (vorwiegend) Schweizer Schreibenden im einzigen AutorInnen-Theater Helvetiens auf die Bühne zu bringen.

Zum Saisonende also ein theatralischer Blick hinter die Bergwelt von heute. ‹Matterhorn› sei ein Stück, in dem weniger die Handlung oder die Entwicklung der Figuren im Vordergrund stünden, als die Sprache selbst. Auf der Basis von mutiger Experimentierfreudigkeit und im Spiel mit der Sprache seien sie daran, «das Matterhorn klanglich darzustellen, ein Konzerttheater» zu inszenieren. Ob und wie dies funktionieren wird? Das sei gerade das Interessante an der Theaterarbeit: neue Stücke und neue Spielformen auszuprobieren – und sich dabei überraschen zu lassen.


Low-Budget-Produktionen

Zwei Jahre hat Ursina Greuel am Hamburger Thalia Theater gearbeitet. Dann hatte sie genug von «den guten Schauspielern und den guten Texten und den guten Inszenierungen». Die freie Szene lockte. Mit ebenso guten SchauspielerInnen und ebenso guten Stücken. Dass sich die Trennung zwischen institutionalisierten Häusern und freien Gruppen immer mehr aufhebe, störe sie weniger als die Tatsache, dass diese Vermischung die finanzielle Situation nicht verändere. Als freies Theater rangelten sie noch immer um jeden Tausender. Für ihre Anti-Schubladen-Projekte stehen dem Team – Spielenden, Schreibenden und Inszenierenden – gerade mal 25 000 Franken pro Produktion zur Verfügung. Entsprechend knapp ist denn auch die Probedauer. In so kurzer Zeit lassen sich keine ‹Auf-Nummer-Sicher›-Produktionen realisieren. Aus der Not eine Tugend machen, lautet das Motto. Und das bedeutet auf Theaterdeutsch: eine Theaterform zu entwickeln, in welcher Arbeitsprozesse noch spürbar sind und, verbunden damit, eine gewisse Unmittelbarkeit zum Ausdruck kommt.

Während bei Beat Sterchi die Sprache über den Inhalt dominiert und damit zuweilen die Grenzen der Bühnentradition sprengt, hat Tena Stivicic ein Stück geschrieben, in dem Altbewährtes thematisiert wird. ‹Dem Sonntag entkommst du nicht› heisst das Debütdrama der jungen Kroatin. Es erzählt von einem jungen Paar (Mona Fueter und Daniel Metzger), das auf der Suche nach einem Lebensinhalt minutiös seine Beziehung auseinander nimmt. Die Kombination von genauer Beobachtung, einer klaren Sprache und viel Humor habe ihr gefallen, meint Ursina Greuel, die auch diesen Text inszenieren wird. ‹Dem Sonntag entkommst du nicht› ist eine deutsche Erstaufführung, die in Zusammenarbeit mit der Berner Schauspielschule entsteht. Künftig soll die kleine Off-Bühne an der St. Alban-Vorstadt denn auch vermehrt von Gästen bespielt werden. Doch das sind Visionen, die in die nächste Spielzeit verweisen.
| Corina Lanfranchi


Raum 33, St. Alban-Vorstadt 33, Vorverkauf T 261 12 00. Programm: Do 31.5., Fr 1. und Sa 2.6., 20.00: ‹Das Matterhorn ist schön› (Gastspiel in Zürich: Fr 8./Sa 9.6., 20.30, Theater an der Winkelwiese). Do 14. bis So 17.6., 20.00: Gastspiel ‹Dem Sonntag entkommst du nicht›. Mi 20.6., 19.30: Gastspiel ‹dramenProzessor› 2000/2001. Mit neuen Stücken zum Thema Erbschaft, u.a. von Renata Burckhardt, Marianna Freidig und Lukas Holliger.