Etwas Gescheites für viele | Interview mit Martin Heller zur Expo.02
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Für die Realisierung der Landesausstellung, die in einem Jahr beginnen soll, wird viel gewagt und auch viel aufs Spiel gesetzt. Martin Heller, aus Basel stammender künstlerischer Direktor der Expo.02, gibt Einblicke in seine Arbeit.

Martin Heller, seit zwei Jahren Directeur artistique der Expo.02, wirkt ruhig und voller Energie. Seine Augen verraten freilich noch etwas anderes: eine grosse Müdigkeit. Wir haben uns in einem Restaurant am Bahnhof Zürich verabredet, unser Gespräch findet über Mittag statt. Er verspätet sich dreissig Minuten, lässt es mir aber ausrichten und bleibt dafür drei viertel Stunden länger. Freundlich und ohne Hast formuliert er fast druckreife Sätze. Nie verliert er den Faden, nie ist er um eine Antwort verlegen, und seine Emotionen sind gut gezähmt. Der Mann ist ein begnadeter Kommunikator – unentbehrlich für diese Landesausstellung, die nicht aus den negativen Schlagzeilen herauskommt. Wie geht er mit dieser Situation um und wie sieht er seinen Auftrag? Versuch einer Annäherung an ein ebenso schwieriges wie spannendes Projekt.


PROGRAMMZEITUNG: In zwölf Monaten beginnt die Expo — und vieles ist noch unfertig und ungewiss. Wie geht es Ihnen?

Heller (lacht): Blendend miserabel.



Aber Sie glauben, dass sie stattfinden wird?

Selbstverständlich werden wir die Expo im Mai 02 eröffnen. Die Frage ist nicht, ob sie kommt, sondern wie, mit welcher Qualität. Natürlich verdichtet sich jetzt alles, man will nichts mehr aufschieben, jeder Tag zählt. Eine Erfolgsgarantie kann ich zwar nicht abgeben, doch ich habe mehrheitlich ein gutes Gefühl und darf sagen: Ich gebe mir Mühe. Den völlig im Griff hat das niemand mehr, die ganze Sache ist viel zu gross und zu komplex. Und nicht nur vom Geld abhängig – auch von den kreativen Qualitäten in der Schweiz.


Die ehemalige Generaldirektorin, Jacqueline Fendt, fand in einem Gespräch mit der ProgrammZeitung im Sommer 1997, ‹eine mittelmässige Expo das Allerschlimmste für das Land›. Finden Sie das auch?

Damals sind viele grosse Worte gefallen – und schliesslich auf die Verantwortlichen zurückgefallen. Wenn mittelmässig lauwarm bedeutete, fände ich es auch schlimm. Der Sinn einer Landesausstellung ist jedoch, möglichst alle anzusprechen. Etwas Gescheites, etwas über das Gewöhnliche Hinausgehendes zu machen für ein Migros- oder Coop-Publikum, finde ich nicht mittelmässig, sondern höchst anspruchsvoll.


Worin besteht denn dieses Aussergewöhnliche und wie manifestiert sich diese Qualität?

Über die Qualität einer Ausstellung zu reden, bevor sie steht, ist schwierig und bleibt abstrakt. Es kann nur ein Anspruch sein, kein Rezept. Ich setze mich vehement dafür ein, dass man sich nicht mit dem Erstbesten zufrieden gibt. Allerdings wäre es falsch, das Aussergewöhnliche mit Avantgarde gleichzusetzen. Es wäre ja viel einfacher, eine Ausstellung in einem Museum zu machen, für ein ausgewähltes Publikum. Aber ich versuche, die Expo ernst zu nehmen als soziales Projekt: Ein Land stellt sich dar, mit allen Schwierigkeiten und Seilschaften, auf die man am Anfang glaubte verzichten zu können. Das Besondere an der Expo ist nicht, dass sie neue Inhalte generiert, sondern wie sie versucht, altbekannte Themen – Politik, Mentalität, Freundschaft, Arbeit, Sexualität – auf eigene Art zu fassen.



Ursprünglich sollte diese Expo ja ein Gemeinschaftswerk und ein Experimentierfeld sein. Was ist davon geblieben?

Ich sehe es anders. Eine Ausstellung zu machen ist ein professioneller Vorgang; das geht nicht ohne gewisse Vorkenntnisse. In Yverdon etwa wird die ‹KidsExpo›, eine Schau für Kinder realisiert. Dazu wurden Kinder befragt und ihre Ideen gesammelt. Es war jedoch nie gemeint, dass sie die Ausstellung selber machen sollten. Eine Ausstellung ist eine Art Übersetzung, sie ist nicht die Neuerfindung der Welt, aber sie bietet viele Möglichkeiten, die andere Medien nicht haben. Diese Kunst der Verführung verlangt Sachwissen. Deshalb fand ich die damalige Idee der Mitmachkampagne völlig absurd.



Was machen Sie also anders oder besser als Ihre Vorgängerin Pipilotti Rist?

Pipilotti war total unglücklich über die Mitmachkampagne. Es war ein Paradox erster Güte: Zuerst werden die Leute zur Mitarbeit aufgefordert, dann muss man 99 Prozent ihrer Vorschläge ablehnen, weil sie gar nicht zu bewältigen sind. Leider überschätzen viele ihre Ideen auch und bedenken nicht, was deren Umsetzung an Fragen und Schwierigkeiten mit sich bringt. Die Absagen wirkten also wie eine Ohrfeige. Zudem: Bei der Expo geht es um Millionenbeträge, das ist ein erbarmungsloser Filter. Da muss jede Idee standhalten. – Ich glaube, man verwechselt oft die Faszination am Prozess als solchem mit der Demokratisierung. Die Vorstellung eines populären Gesamtkunstwerks war ein Fehlschluss und hat ein riesiges Potenzial an Frust produziert. Nicht nur unter den Teilnehmenden, auch in deren Bekanntenkreis. Wenn man das hochrechnet, sind das Hunderttausende. Diese einst interessierten Leute zurückzugewinnen, ist sehr schwierig.


Nach welchen Kriterien werden Projekte ausgewählt?

Das ist sehr verschieden; manche bestanden ja bereits, als ich kam, andere habe ich initiiert. Ich betrachte mich als Intendant mit eigenem Entscheidungsraum und -risiko. Dabei befinde ich mich in einem Wechselspiel von Ambitionen, Ideen, Optionen und fixen Gegebenheiten. Dieses Gefüge gilt es veränderbar zu halten – und dennoch das Ganze vorwärts zu treiben.


Warum ist es immer noch schwierig, Geld aufzutreiben? Und weshalb sind die Leute nicht zu begeistern? Liegts an den Inhalten?

Einer der grössten Mythen ist, dass es der Öffentlichkeit um Inhalte geht. Selbst das Medieninteresse daran hält sich sehr in Grenzen. Wir sind alle viel eher bereit, auf Formen zu reagieren. Vermutlich ist es, salopp gesagt, geiler, über Schwierigkeiten zu reden. Man kriegt ein Negativ-Image fast nicht mehr los. Und dieses hat mit der dornenvollen Geschichte der Expo zu tun und vielleicht damit, dass es in der Schweiz sowieso keine vorauseilende Begeisterung gibt. Man lädt unwahrscheinliche Projektionen auf diese Landesausstellung; sie soll der tolle Spiegel sein, auch wenn die Realität ganz anders ist. Und natürlich soll in diesem 1,4-Milliarden-Unternehmen in vier Kantonen alles reibungslos funktionieren. Bei der Wirtschaft geht es dann auch noch ums Geld. Niemand gibt gerne Geld aus für etwas, von dem er denkt, es gefällt seinen KundInnen sowieso nicht ...


In einer Erst-August-Rede sagten Sie einmal, die Expo sei in erster Linie ein ‹kultureller Anlass› und habe ‹keinen konkreten Nutzen›. Sie solle ‹der Schweiz erlauben, während sechs Monaten über ihren Verhältnissen zu leben›. Ist das nicht ein rotes Tuch für Wirtschaftsleute?

Wirtschaft und Kultur sind für mich nicht zwangsläufig Gegensätze. Das Unverständnis der Kulturleute gegenüber der Wirtschaft ist gravierend, ich habe es an mir selbst erlebt. Es ist übrigens nicht so, dass es mit dem Geld nicht vorwärts geht. Viele Unternehmen haben durchaus ein offenes Ohr für kulturelle Anliegen, aber sie setzen oft andere Prioritäten. Es gilt, die Reibungsflächen zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur konstruktiv zu nutzen.


Wie beantworten Sie die Frage: Was ist die Expo eigentlich?

In einem Satz: Die Expo ist der Versuch, von der Schweiz ein Bild zu bauen in einer Landschaft, die Drei-Seen-Region heisst, das attraktiv ist und das etwas über das Land und die Leute aussagt. – Wenn ich ausholen könnte, würde ich begründen, weshalb die Expo ein sinnvolles Ritual ist. Der Sinn liegt darin, dass es überhaupt stattfindet. Denn sie bewegt vieles und viele, schon lange bevor die Ausstellung steht. Die Expo ist ein Psychogramm dieses Landes. Man kann auch sagen, es ist ein Entwicklungsprojekt für das ganze Land. Es braucht viele Kompetenzen, die man sonst nicht hat. Und ich bin überzeugt, dass diese Erfahrungen eine grosse Nachhaltigkeit haben. Selbstverständlich sollen nicht nur die Beteiligten, sondern auch das Publikum davon profitieren. Schliesslich gibt es die Expo nur alle 25 bis 30 Jahre einmal.


Stichwort Nachhaltigkeit: Was wird bleiben von den Ideen und ihrer Umsetzung? Was ist Ihr Wunsch, Ihre Vision?

Es bleiben immer nur die Bilder in den Köpfen. Ich hoffe, dass viele Menschen den Sommer 02 mit Bildern verbinden, die ihnen etwas gebracht haben, die überdauern. Wenn man sich an intensive Momente erinnern kann, ist das schon viel. Diese Expo ist nicht mehr die Oase, wo man hinpilgert wie 1964, heute ist es ein Ereignis neben anderen. Vielleicht gelingt es aber doch, von den Inhalten und der Form her einen Ort zu schaffen, der etwas Besonderes ist. Und der unter Umständen ein weniger abgehobenes Bild von Kultur vermittelt.


Die Weltwoche schrieb kürzlich, die Strukturen der Expo seien immer gleich geblieben, die Zuordnung der Kompetenzen aber sei unklarer denn je. Und die Entwicklung des Sponsorings gebe Anlass zur Sorge. Wie gehen Sie mit diesem Befund um?

Natürlich hätte man auch per Volksabstimmung herausfinden können, ob überhaupt und wie die Expo sein soll und wieviel sie kosten darf. Doch dann wäre sie wohl nie zustande gekommen. Unser Land hat keinen Umgang mit Grösserem als Strassenbauprojekten. Wer das Gefühl hat, er könne die Expo unter solchem Zeitdruck, mit den bestehenden menschlichen und finanziellen Ressourcen effizienter machen, täuscht sich. Ich lade ihn ein, uns drei Tage zu begleiten. Klar, es wird jetzt immer komplexer. Und manche haben wohl erwartet, dass Nelly Wenger und ich aufgeben würden. Vielleicht ist das untypisch für die Schweiz, dass man dranbleibt und dran glaubt, selbst wenn es nicht das eigene Projekt ist. Aber es gibt eine Tradition, die finde ich wichtig und die darf auch etwas kosten. Es lohnt sich, sich einmal damit auseinanderzusetzen und nicht nur für die Politik und das Budget einzustehen. Vielleicht findet die Schweiz sich selbst zu wenig attraktiv. Für diese Deprostimmung kann ich nichts; allerdings bin ich auch nicht euphorisch. Ich habe diesen Auftrag angenommen, weil ich ihn interessant finde, und erfülle ihn gerne im Rahmen der Bedingungen und mit Leuten, die ebenso davon überzeugt sind.



Denken Sie, dass das Publikum schliesslich kommen wird?

Ich wäre enttäuscht, wenn es nicht kommen würde, ganz klar. Man begeistert sich verständlicherweise erst für etwas, wenn es da ist. Oder wenn man involviert ist und kapiert hat, worum es geht. Übrigens zweifeln die kritischen Medien nicht daran, dass es viel Publikum geben wird. Wir rechnen mit 4,3 Millionen BesucherInnen (davon 1,2 Millionen AusländerInnen), bzw. zehn Millionen Eintritten. Mit dem Dreitages-Pass wird man drei Mal an die Ausstellung kommen können.


Was geschieht mit den nicht durchgeführten Projekten?

Es wurde alles archiviert, und einiges wird sich bestimmt anderweitig verwenden lassen. Über die abgelehnten Projekte der Mitmachkampagne möchte Patrick Frey ein Buch machen, sofern ein Grossteil der Involvierten sich dazu bereit erklärt. Manche haben ja Angst vor Ideenklau, was ich grotesk finde. Die Expo hat ohnehin kein Recht an diesen Ideen. Ich unterstütze diese Dokumentation sehr. Sie trägt den Arbeitstitel ‹Stranded Motivations› und soll im Frühjahr 02 in der Edition Patrick Frey erscheinen. | Dagmar Brunner


Martin Heller ist 1952 geboren und in Arlesheim aufgewachsen. Er studierte Ethnologie und Kunstgeschichte und schloss die Schule für Gestaltung in Basel ab. Während 13 Jahren war er Kurator und Direktor am Museum für Gestaltung in Zürch. Seit Januar 1999 ist er künstlerischer Leiter der Expo. Heller lebt mit seiner Familie in Zürich und Neuchâtel.



Dokumentarfilm von Bruno Meyer: ‹Expedition Expo.02. Ein Jahr mit Martin Heller›. Infos: www.sfdrs.ch/dok