Wo’s nach Schokolade stinkt | Buchbesprechung
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Alex Capus ist Wahl-Oltener. Und er schimpft aufs Mittelland mit seinen «Blödmännern alpenländischer Kulturprägung». Im Mittelland sind die Städte ein Potpourri aus Supermärkten, Krankenhäusern, Bordellen, Autozubehörläden, Wohnblocks und Holzbrücken, die «seit den napoleonischen Kriegen merkwürdigerweise niemand mehr niedergebrannt hat». Und abends läuft überall der Fernseher, daneben stehen ein paar Bücherrücken, von denen einige sogar keine Videokassetten sind. Neben Beschimpfungen finden sich in dem aus 14 Geschichten bestehenden Roman ‹Mein Studium ferner Welten› auch Liebeserklärungen. Capus’ drittes Buch enthält viel Hassliebe, Witz und Einsamkeit.

«Nichts ist vergänglich». Dieses dem Roman vorangestellte Tschechow-Zitat erweist sich im Verlaufe der Lektüre nicht nur als wahr, sondern auch als Scheidungsgrund. Max Mohn, die Hauptfigur des Romans, wird von seiner Frau Ingrid mit dem Vorwurf verlassen, er mache alles, was er erlebe, zu einer Geschichte: den gemeinsamen Sohn, das Liebesleben, alle Hoffnungen und Enttäuschungen. Einerseits ein schwerwiegender Vorwurf, andererseits natürlich das Rezept eines Schriftstellers. Mag hier Max Mohn auch mit einer Eigenschaft geschlagen sein, die den Autor Capus auszeichnet; das Resultat immerhin ist beeindruckend: ein Mittelland, das sich als idealer Schauplatz für Geschichten herausstellt. Weder Stadt noch hinterste Provinz, längst vernetzt mit der ganzen Welt und doch ein Dorf, in dem alle sich kennen. Capus’ Romanpersonal sitzt in jeder Hinsicht zwischen den Stühlen. Zwischen Kindheit und Alter, zwischen Liebe und Einsamkeit, zwischen Karriere und Abstellgleis.

Und es stinkt nach Schokolade. «Der Schokoladengeruch verklebt mir das Gehirn», sagt Max’ Freund Hannes. Vielleicht deswegen flieht der Frauenheld und Konditorensohn Johnny Türler ins Ausland. Den ganzen Globus umreist er – sein Körper gerade gross genug, um von jedem Ort eine Tätowierung mitzubringen. Endstation sind dann trotzdem die Fussstapfen des Vaters. Dieser schickt Türler junior als Vertreter der Konditorei an die Generalversammlung der örtlichen Gewerbekammer. Der Anlass endet nur in der Fantasie mit einem Skandal.

Capus eröffnet auf höchst unterhaltsame Weise ein Panoptikum schrulliger und exzentrischer Mittelländer. Der humorvolle Erzählton täuscht aber nie darüber hinweg, dass da auch ein grosses Vakuum klafft. Die Sehnsucht nach dem gross geschriebenen es. Nicht Gott, nicht Erleuchtung ist gemeint, sondern zum Beispiel die dreizehnjährige Ingrid, in die der gleich alte Max Mohn schon als Schüler verknallt war. Sie weiss es. Sie weiss, dass er hinter ihr her ist, dass der Himmel blau ist und dass sie ein Mädchen ist. Diese Selbstverständlichkeiten scheinen für Max nicht nachvollziehbar und stossen ihn in eine Verlorenheit, die das ganze Leben anhält und eben höchstens als Geschichtenerzähler erträglich wird.

Was nun dieses Talent angeht, kann Capus Ingrid das Wasser reichen, denn er hat es.

| Lukas Holliger


Alex Capus: ‹Mein Studium ferner Welten›. Ein Roman in 14 Geschichten, Residenz Verlag 2001. 206 S., geb., CHF 31.50