Gastrosophie | Restaurant mit Tieren
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Unlängst hab ich mir einen dieser bunten Bände gekauft, die vor Buchhandlungen den Schnäppchenjäger in uns ansprechen: «Märchen aus Island» (10 Franken, Bechtermünz Verlag). In jedem zweiten Märchen heissen die Königskinder Sigurd und Ingibjörg, und die zweite Frau des Königs ist in Wirklichkeit ein Trollweib, das in Riesentöpfen Menschenfleisch kocht, mit Vorliebe Königskinder.

Wer Menschen isst, muss schlecht sein, da gibts nichts zu diskutieren. Bei Tieren ist der Fall anders gelagert, komplizierter. Ich mein jetzt nicht das Rind, das Schafpulver frisst und deshalb wahnsinnig wird, sondern denke ans Menschentier, welches beispielsweise Hunde ungern auf dem Teller sieht, es sei denn in China, wie eben ein Paar am Nebentisch konstatiert. Wie könne man nur, klagt die Frau, die armen Hundli; worauf der Mann sie belehrt, dass die Hundsschlachtung auch im Appenzell Brauch gewesen und er einmal in einer Bauernstube auf einem Fell gesessen sei, das fraglos einen Sennenhund gekleidet hatte. Leider kann ich diesem interessanten Gespräch nicht weiter folgen, weil nun eine Schulklasse ins Restaurant einfällt und einen Krach macht, wie nur Achtjährige das können, in Vorfreude auf Cola, Bratwurst, Chicken Nuggets und Pommes sowieso.

Das Selbstbedienungs-Restaurant im Zolli ist auf dergleichen Überfälle gut vorbereitet. Farbige Tafeln weisen die Ein- und Ausgänge, den Weg zu ‹Pasta-Pasta›, zur ‹Kinderecke›, hin zum preiswerten ‹Tagesmenü›, zu ‹Desserts & Glaces› oder zur ‹Vom Grill›-Station. Alles sehr bunt, im Restaurant wie in der hallenbadgrossen Selbstbedienungszeile, und mit so riesenhaften Lettern beschriftet, dass selbst die Brillenschlange zum Salatbuffet findet.

Jetzt fällt mir wieder ein, warum mich Märchen schon als Kind gleichermassen anzogen und langweilten: Sie sind so schematisch, und alles wiederholt sich dreimal.

Aber das Zolli-Restaurant, Hort der schönsten Erinnerungen: Sonntage, an denen Papa die Spendierhosen anhatte und Mama nicht kochen musste, das Zolli-Restaurant ist gegen jede Kritik gefeit. Bietet noch immer zügige Verpflegung statt hoher Kochkunst. Und das ist gut so.

Alles also, wie es sein muss. Bis auf diesen einen Punkt, der mich beschäftigt: Wie kommt es, dass im Zoo, der sich der Hege und Pflege der Tierwelt widmet, exotischer wie einheimischer, von Tieren mit Flügeln, Flossen, Hufen und Krallen – prinzipiell essbar die meisten –, wie kommt es, dass im Zolli-Restaurant Schweine, Kälber und Hühner, deren Artgenossen man eben noch gern gestreichelt hätte, ähem, aufgegessen werden? | Oliver Lüdi


Restaurant Zoologischer Garten, Bachlettenstr. 75, T 281 00 80, täglich 9.00 bis 17.30 (Mai bis August 9.00 bis 18.00)