Die dänische Filmemacherin erzählt mit emotionaler Wucht die Geschichte einer dramatischen Familienzusammenführung.
Jacob Petersen, ein Däne um die 40 mit sehr bewegter Biografie, leitet in Indien ein kleines Waisenhaus. Es bietet Kindern ein bescheidenes Zuhause und erhöht so ihre Chancen auf eine günstigere Zukunftsperspektive. Die Institution repräsentiert den sprichwörtlichen Tropfen auf den heissen Stein in Sachen Entwicklungshilfe, ist dauernd in Geldnot und existenziell bedroht. Offenkundig aber erregt sie über die Grenzen hinweg Aufmerksamkeit: Eines Tages nämlich erhält Jacob ein Angebot des knallharten dänischen Unternehmers Jorgen; der will als Mäzen ein paar Millionen Dollar zur Sanierung des Heims beisteuern. Eine Bedingung dafür ist, dass Jacob für die Verhandlungen persönlich nach Kopenhagen reist. Das aber fällt dem zivilisationsscheuen, gegenüber kapitalistischen Gebärden äusserst misstrauischen Mann schwer. Auch deshalb, weil er seine Schützlinge nur ungern allein lässt – besonders den achtjährigen Pramod, der ihm wie ein Sohn ist.
Doch weil das Hilfsangebot allzu verlockend ist, fliegt Jacob in die Heimat. Er wird in einem Luxushotel einquartiert und trifft bald den mächtigen Industriellen zum Talk. Der bestätigt jovial sein Interesse und lädt Jacob unerwartet zur unmittelbar bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Anna ein. Jacob nimmt die Einladung nur zögernd an, denn er möchte so schnell wie möglich wieder nach Indien reisen. Am glanzvollen Fest wird ihm dann klar, warum ihn Jorgen eingeladen hat: Dessen Frau Helene war nämlich vor zwanzig Jahren die Geliebte Jacobs. Und der realisiert schlagartig, dass das Wiedersehen mehr sein muss als purer Zufall. Zumal er noch erfährt, dass die bezaubernde Braut Anna nicht die leibliche Tochter seines Gastgebers ist. Keine Frage, dass da einige Dramatik in Sachen Familienzusammenführung bevorsteht.
Wechselbad der Gefühle
Die dänische Erfolgsregisseurin Susanne Bier (‹Open Hearts›, ‹Brothers›) hat – wieder zusammen mit dem brillanten Drehbuchautor Anders Thomas Jensen – eine Story verfasst und selber inszeniert, die mit reichlich melodramatischen Zutaten versehen ist. In unbedarfte Regiehände gelegt, wäre das wohl kaum gutgegangen und hätte in Kitschgefilde abdriften können. Doch Bier schafft es, dank einem schnörkellosen, kantigen Drehbuch und inszenatorischer Eleganz, den Mix aus vorhersehbaren und verblüffenden Handlungswendungen plausibel auf die Leinwand zu bringen. Das Publikum erlebt ein dauerndes Wechselbad der Gefühle: Einerseits zwischen ungleichen, dominanten Männercharakteren, die ein und dieselbe Frau lieben. Und anderseits angesichts der emotional gebeutelten und aufgewühlten Tochter Anna, die ihre elterlichen Verhältnisse neu begreifen muss.
Formal orientiert sich Bier wie in ihren vorherigen Arbeiten am dänischen Dogma-Modell, vertraut also auf schlichte Bilder und Dekors und setzt harte Szenen-Schnitte, um so Pathos und Rührseligkeit nahezu zu pulverisieren. Zudem stützt sie sich auf ein Schauspiel-Ensemble mit Stil: Als gebrochener Held Jacob brilliert Mads Mikkelsen (in der aktuellen James-Bond-Verfilmung der Bösewicht), und als sein wuchtiger Gegenspieler überzeugt Rolf Lassgard (öfters Hauptakteur in Literatur-Verfilmungen von Henry Mankell- sowie Maj Sjöwall/Per Wahlöö-Stoffen). Aber auch die anspruchsvollen Frauenrollen sind mit Sidse Babett Knudsen (als Ehefrau Helene) und dem Nachwuchsstar Stine Fischer Christensen (als Tochter Anna) bestens besetzt.
‹After the Wedding› führt uns gekonnt auf die Schaubühne des Allzumenschlichen. Dorthin also, wo Liebe, Hass und Sehnsucht regieren, wo es um die Realisierbarkeit von Lebensentwürfen geht. Da schaut man gerne zu und staunt einmal mehr über das enorme Potenzial im aktuellen dänischen Filmschaffen. Zumal Susanne Bier hier noch auffälliger als bisher der schwierige Spagat zwischen gehobener Film-Unterhaltung und den intellektuellen Anforderungen des Arthouse-Kinos fast spielerisch gelingt. | Michael Lang
Der Film läuft ab Anfang Februar in einem der Kultkinos
(Heft Februar 2007)




