Das St. Johann wird ‹umgebaut› — Versuch eines Überblicks.
Fast zwanzig Jahre lang endete die N2 hoch über dem Wiesenkreisel nach halber Drehung in eine kühne Kurve abrupt im Leeren. Einer umweltpolitisch motivierten Gegnerschaft, die sich im Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst formiert hatte, galt die Nordtangente als spektakuläres Monument für das Scheitern einer verfehlten Verkehrspolitik. Mehr Strasse bringt mehr Verkehr, so lautete das (unwiderlegte) Argument. Leider erwies sich der Umkehrschluss als Irrtum: Trotz gleichviel Strasse verdichtete sich der Transitverkehr im Norden Basels zunehmend. 1986 wurde die Initiative ‹Basel ohne Nordtangente› abgelehnt, seit 1994 wird gebaut, und Mitte 2008 wird der gigantische Verkehrsbau vollendet. Die Verbannung des (Schwer-)Verkehrs aus den Quartieren in die Tunnels wird heute auch von einstigen GegnerInnen begrüsst. Sie bildet jedoch ‹nur› die Voraussetzung für die parallel erfolgende Stadtentwicklung, an der im Baudepartement seit langem intensiv und engagiert gearbeitet wird. So wird im St. Johann aus einer ‹Autostrasse, die am Rande eines Ortes vorbeiführt› – dies die lexikalische Definition der ‹Tangente› – vielmehr eine Verkehrsführung, die diesen Stadtteil aus seiner Randlage befreit.
St. Johann wächst über sich hinaus
Bisher endete das St. Johannquartier in den Mindmaps der Bevölkerung an der Verlängerung der Dreirosenbrücke, der Voltastrasse, die sich spätestens auf der Höhe des Viadukts in einer Art gordischem Verkehrsknoten verstrickte. Dahinter lag industrielle Terra inkognita und irgendwo die Landesgrenze. Genau entlang dieser bisher nur als Verkehrsschneise wahrgenommenen Achse wird in diesem Jahr mit dem Bau von gleich drei anspruchsvollen Hochbauprojekten begonnen. Unter dem Namen Pro Volta leitet das Baudepartement den oberirdischen ‹Umbau› zwischen Voltamatte und Bahnhof St. Johann. Aus zwei Wettbewerben gingen Exponenten der jüngsten Basler Architekturszene als Sieger hervor: Christ & Gantenbein realisieren entlang der Voltastrasse eine grosse Wohnüberbauung; Buchner Bründler Architekten markieren den neu entstehenden Vogesenplatz mit einem Baukörper, der primär Laden- und Wohnnutzungen dienen wird. Ein Direktauftrag für eine weitere Wohnüberbauung beim Bahnhof St. Johann erging an Degelo Architekten. Mit diesen Bauvorhaben, die alle bereits Ende 2009 fertig gestellt sein werden, kann sich das Quartier gegen Norden öffnen und gewinnt neue Qualitäten.
Auch im ‹alten› St. Johann wird es Veränderungen geben, wenn auch kleineren Massstabs. Hier ist es die Christoph Merian Stiftung, die diverse Vorhaben initiiert hat. Eines davon ist der Ideenwettbewerb ‹St. Johann denkt›, bei dem die ansässige Bevölkerung letztes Jahr Vorschläge für die Belebung des Quartiers einreichte. Die 17 prämierten Projekte werden 2007 umgesetzt, die Palette reicht vom Schreibbüro über eine offene Velowerkstatt zum Bauernmarkt, es gibt Pläne für ein Hamam (türkisches Dampfbad) und verschiedene Angebote für Kinder und Jugendliche.
Andreas Courvoisier von der CMS umschreibt das Engagement der Stiftung im St. Johann als «Akupunktur» – punktuelle Eingriffe mit positiver Ausstrahlung. Dazu zählt auch das neue Quartierzentrum, das im ehemaligen Restaurant Landskrongarten entsteht. Etliche bestehende Angebote werden hier vereint und eine neue Quartierkoordination aufgebaut. Die Eröffnung ist im Winter 2007 geplant.
Global Players und lokale Kulturen
Im St. Johann gibt es noch eine weitere Baustelle der Extraklasse, den Novartis Campus. Damit beschleunigt der Pharmariese die Entscheidungen in Bezug auf die Zukunft der Basler Rheinhäfen. Novartis verfolgt im St. Johann primär eigene Interessen, Auswirkungen auf das Quartier sind eher indirekte Folgen davon. Auf ihrem Campus verbaut die Firma allein in der ersten Etappe (bis 2012) zwei Milliarden Franken und errichtet dort einen Architekturpark erster Güte. Die Basler Bevölkerung wird sich jedoch mit dem Blick von aussen begnügen müssen, denn Novartis tut sich schwer mit der Öffentlichkeit. Die (durchaus erfreuliche) Ausstellung im hiesigen Architekturmuseum hatte auch etwas Absurdes – die Originale stehen keine drei Kilometer entfernt ... Immerhin hat die Stadt mit dem Konzern einen Rheinuferweg bis nach Frankreich ausgehandelt, für den gegenwärtig ein Architekturwettbewerb läuft. Ende März werden die Projekte in einer Ausstellung präsentiert.
Symptomatisch für das hermetische Denken bei Novartis ist ihr Anspruch auf die Hüningerstrasse als Teil ihres Firmengeländes. Dies betrifft u.a. auch die Zukunft des Bollag-Gebäudes, wo Kunstschaffende, Architekten und Filmproduzentinnen arbeiten. Die Diskussion – sowohl im Parlament wie in der Öffentlichkeit – um den Stellenwert von Firmeninteressen gegenüber kommunaler Infrastruktur darf mit Spannung erwartet werden. Aus der Sicht von Novartis erscheint Basel offenbar primär als Wirtschaftsstandort, der von ihrer Präsenz mitprofitieren kann. Das ist nicht falsch, aber ob es klug ist, lässt sich bezweifeln. Der zweite grosse Life-Science-Konzern in Basel pflegt da eine andere Kultur. Obwohl die Interessen der Roche sehr ähnlich gelagert sein dürften wie jene der Novartis, hat sie beispielsweise nie beansprucht, die Grenzacherstrasse für die Öffentlichkeit zu schliessen, obwohl diese ebenfalls mitten durch ihr gleichermassen sicherheitssensibles Firmengelände führt. Auch mit weiteren Projekten (Solitudepark, Kinderkrippen, Museum Tinguely etc.) signalisiert Roche Offenheit gegenüber Basel und seiner Bevölkerung, sieht sich gar als «Bürger der Stadt», wie sie kürzlich in der NZZ verlauten liess.
Der Begriff ‹Basel Nord› wurde im Zusammenhang mit Stadtentwicklung geprägt, die darin enthaltene Überwindung des Grossbasel-Kleinbasel-Denkschemas ist Programm. Trotzdem beschränkt sich dieser Text auf das linksrheinische Ufer; die Regio-S-Bahn und die Zukunft der Rheinhäfen werden Gegenstand künftiger Beiträge sein. | Sibylle Ryser
Infos: www.bd.bs.ch (Baudepartement), www.merianstiftung.ch. Noch immer aktuell und informativ: Ausstellungskatalog Stadtentwicklung Basel Nord, 2005, erhältlich beim Baudepartement, anita.staub@bs.ch
(Heft Februar 2007)




