Buchbranche unterm Damoklesschwert | Editorial
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Jeweils am Todestag der Dichterkönige Shakespeare und Cervantes – dem 23. April – werden in Barcelona Bücher verschenkt. Die Unesco hat diesen Termin vor elf Jahren zum ‹Welttag des Buches und des Copyrights› erkoren, der seither mit vielfältigen Aktionen in über hundert Ländern gefeiert wird. Auch in der Schweiz nutzen zahlreiche Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken die Gelegenheit, um auf ihr Buch- und Medienangebot aufmerksam zu machen und ganz generell für das Buch bzw. das Lesen zu werben. Heuer steht der Tag unter dem Motto ‹Die Schweiz liest›, und neben vielen kleinen sind auch einige Grossanlässe in Vorbereitung, so etwa auf Schweizer Bahnhöfen: In Lausanne z.B. werden rund 4000 Kinder und Jugendliche zur ‹Fête du Livre› erwartet, in Bellinzona erhalten die Reisenden u.a. Buchgeschenke, und in Zürich wird die grosse Bahnhofshalle mit Liegestühlen und einem Bücherhimmel bespielt. Videoclips auf Grossbildschirmen, Plakate, Postkarten und Flyer wollen zum Lesen verführen, und ein MMS-Wettbewerb lädt schon im Vorfeld zum Mitmachen ein. Ein exklusives Welttag-Büchlein mit einem bisher unveröffentlichten Text von Peter Bichsel wird kostenlos verteilt, und der ‹Geschichten-Home-Delivery-Service› ist unterwegs: 16 ProfisprecherInnen machen das geschriebene Wort lebendig. Ein «Feuerwerk der Leselust» soll entfacht werden, wünscht sich das Team um Adi Blum und Leslie Schnyder, das die Aktivitäten im Auftrag der ‹Buchlobby Schweiz› koordiniert und organisiert.
Dieses Label haben vor drei Jahren, am ‹Weltbuchtag› 2004, verschiedene Organisationen und Akteure der Buchbranche aus allen Sprachregionen und Landesteilen ins Leben gerufen, um ihren Anliegen endlich mehr Gehör und Gewicht zu verschaffen. Denn «bis heute kommt das Buch in der offiziellen Medienpolitik nicht vor», wie es in einer schmalen Broschüre heisst, die von der ‹Buchlobby› in Grossauflage in drei Landessprachen herausgegeben wurde. Kurz und informativ orientiert sie über die Bedeutung des Buches und die Leistungen des Buchsektors und zeigt dabei auch Mängel und Desiderate auf. Man erfährt etwa, dass die Schweiz rund 500 Verlage, 600 Buchhandlungen und 5000 Bibliotheken (mit 50 Millionen Büchern!) hat, dass die Branche um die 3300 Beschäftigte zählt, dass es hierzulande gegen 2500 AutorInnen gibt (darunter 80, die vom literarischen Schreiben leben können), dass jährlich rund 10000 Bücher erscheinen und dass der Buch- und Literaturmarkt (ohne Presse) mit zwei Milliarden Franken Umsatz der grösste Sektor der schweizerischen Kulturwirtschaft ist – deutlich vor Musik, Kunst und Film. Und es steht da auch knapp und klar, weshalb es dringend einer ‹Politik des Buches›, einer gezielten und koordinierten Lese-, Literatur- und Buchförderung bedarf.
Der Einsatz für die Buchpreisbindung gehört ebenfalls dazu. Es ist ein Trauerspiel, dass diese nun erneut gefährdet, statt endlich gesetzlich verankert ist. Ohne sie wird es längerfristig nichts als Verlierer geben. Denn nur der feste Buchpreis garantiert
die kulturelle Vielfalt. Seine Aufhebung in andern Ländern hatte drastische Folgen für Leserschaft, Handel, Bildungswelt und Behörden. Das alles ist hinreichend bekannt. Und es ist bitter, dass der Mann, der unverhohlen dagegen antritt, ‹Kulturminister› ist. Er will die Preise senken, aber die Preisfrage wird dem kulturellen Aspekt des Buches niemals gerecht. Im Übrigen waren Bücher noch nie so billig wie heute. Und ihr Wert ist sowieso unbezahlbar. Die ‹Buchlobby Schweiz› hat noch viel zu tun, um dieses Damoklesschwert abzuwenden. Wäre nicht der ‹Weltbuchtag› der ideale Termin für eine konstruktive Lösung? | Dagmar Brunner

 

Weltbuchtag: Mo 23.4., weitere Infos: www.buchlobby.ch
www.welttagdesbuches.ch, www.bibliothekstag.ch

 

(Heft April 2007)