Zwischen Heidentum & High-Tech | Festival ‹culturescapes›
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Zahlreiche Veranstaltungen zeichnen ein vielschichtiges Bild des baltischen Staates Estland und seiner Kultur.
Ursprünglich hätte die diesjährige Ausgabe von ‹culturescapes› dem Baltikum, Estland, Lettland, Litauen gelten sollen. Nun beschränkt sich das Festival auf Estland. Warum? Jurriaan Cooiman, der Initiant und Leiter von ‹culturescapes›, nennt zwei Gründe. Zum einen suggeriere der Begriff Baltikum eine Einheitlichkeit der drei Staaten, die es so nicht gebe. Er habe in Estland viele Leute getroffen, die genug davon hätten, stets mit Letten und Litauern in einen Topf geworfen zu werden. Estland orientiere sich sehr stark nach Finnland, Lettland mit seiner grossen russischen Minderheit nach Russland und Litauen nach Polen, mit dem es ja durch Jahrhunderte eine politische Einheit gebildet hat: «Die drei Staaten schauen sich also nicht gegenseitig an, sondern blicken quasi voneinander weg.»
Zum anderen, erklärt Cooiman, hat Estland trotz seiner Kleinheit – 1,5 Millionen Einwohner (davon 400000 RussInnen) – enorm viel zu bieten. Es besitzt eine Jahrhunderte alte Kultur, die den Landsleuten geholfen hat, trotz wechselnder Besetzung durch Deutschordensritter, Dänen, Schweden und Russen, ihre Identität zu bewahren. In der Tat war Estland in seiner ganzen Geschichte nur wenige Jahre ein unabhängiger Staat: von der Unabhängigkeitserklärung 1918 bis zum sowjetischen Einmarsch im Gefolge des Hitler-Stalin-Pakts 1940 und wieder seit dem Fall der UdSSR. Das estnische Volk hat sich auch lange der Christianisierung widersetzt; in den Sonnwendbräuchen etwa ist heidnisches Gut noch immer lebendig.


Radikale Veränderungen
Seit 1991 erlebt das Land eine rasante Modernisierung mit all ihren Schattenseiten, der Öffnung der sozialen Schere und vor allem der Zerstörung der Natur. Zündstoff birgt auch das Minderheitenproblem: Russen, die sich weigern, estnisch zu sprechen, erhalten keinen Pass und können nicht ausreisen. Die Gegensätze zwischen RussInnen und EstInnen seien kaum zu überbrücken, erzählt Cooiman, selbst unter Kulturschaffenden nicht. So gibt es etwa in der Hauptstadt Tallin ein russisches und ein estnisches Theater, doch Aufführungen in der Sprache des anderen sind undenkbar. Heftig diskutiert wird ein Gentech-Projekt der Universität in Tartu, welches die genetischen Daten der gesamten Bevölkerung speichern will. Zusätzlich ebnet die enorme Rolle des Internet im Alltag den Weg zum ‹gläsernen Menschen›.
Dieser rasante Wandel von der Tristesse der Sowjetprovinz zum High-Tech-Kapitalismus ist Thema eines Symposions im Unternehmen Mitte, das ‹culturescapes› zusammen mit dem Historischen Seminar der Universität organisiert. Auch der erste von drei Vorträgen in der Volkshochschule wird sich dem Thema ‹Estland heute – eine Bilanz nach 15 Jahren Unabhängigkeit› widmen. Die beiden anderen beschäftigen sich mit  estnischer Literatur: Der Schriftsteller und Übersetzer Mati Sirkel aus Tallin gibt einen historischen Überblick; der Hannoveraner Dozent Peter Petersen stellt das ‹Kalevipoeg›, das im 19. Jahrhundert entstandene estnische Nationalepos, vor. Sirkel wird auch eine Lesung mit dem Romancier Tonu Onnepalu und der Lyrikerin Elo Viiding moderieren.


Reiches Kulturleben
Wie sich die bildende Kunst mit dem rabiaten Umbau der estnischen Gesellschaft auseinandersetzt, ist in der Ausstellung ‹Esst ethnische Pasteten in estnischen Nischen› zu sehen. Gesellschaftskritik in Form einer Endzeitvision zeigt das Von Krahl Theater aus Tallin mit Peeter Jalakas Inszenierung ‹Magic Flute›: Der Krieg um das Erdöl hat die Zivilisation zerstört, die beiden letzten Überlebenden begegnen den Figuren aus Mozarts ‹Zauberflöte›.
Das Rückgrat des Festivals bildet aber wie in den letzten Jahren eine Reihe von Konzerten. Zu hören ist vorwiegend zeitgenössische Musik, von Arvo Pärt natürlich, vom auch bei uns bekannt gewordenen Erkki-Sven Tüür, von Tüürs Schülerin Helena Tulve und anderen. Tüür und Tulve werden selbst nach Basel kommen, auch Pärt, wenn es seine Gesundheit erlaubt. Zudem zeigt das Stadtkino ein Filmporträt Pärts, ferner sind zwei verschiedene Programme mit estnischen Animationsfilmen zu sehen. Ein Angebot für Gourmets rundet das Festivalprogramm ab: der Starkoch Dimitri Demjanov serviert ein traditionelles estnisches Buffet. | Alfred Ziltener


Festival ‹culturescapes› über Estland: So 12.11. bis Fr 3.12., Programm: www.culturescapes.ch

 

(November 2006)