Giganten
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OLIVER LÜDI

 

José Saramagos Vermächtnis ist lesenswert.
Wenn eine literarische Stimme verstummt ist, dann erfasst jene, die sie schätzen, womöglich über alles lieben, eine grosse Unruhe. Was und wie viel noch wird bleiben und wie wird das Ende sein, wenn der letzte Satz gelesen und ein Punkt gesetzt ist, fürwahr ein Schlusspunkt?
Am 18. Juni vergangenen Jahres starb 87-jährig der portugiesische Autor José Saramago, Nobelpreisträger des Jahres 1998, erklärter Kommunist und Atheist, wie noch in  jedem Nachruf zu lesen war. Und nun ist es also auch bei ihm so weit, ‹Die Reise des Elefanten› bleibt, bis auf weiteres, sein letztes Buch.
Bevor wir uns diesem Roman zuwenden, sei – das ist nicht mehr als recht und billig – noch vorausgeschickt, dass der Rezensent zu eben jenen Beunruhigten gehört, zum Lager der Liebenden, die alles oder (zu ihrem Glück) noch nicht ganz alles von Saramago gelesen haben und ihre Liebe  liebend gerne teilen und mitteilen würden.
‹Die Reise des Elefanten› ist vielleicht keiner der grossen Romane Saramagos wie etwa ‹Das Memorial›, ‹Das steinerne Floss› oder – sein zugänglichster, weil dramatischster und daher gewiss nicht zufällig verfilmter – ‹Die Stadt der Blinden›. Und doch ist es ein Roman, der alles das enthält, was diesen Autor so einzigartig macht. Zu allererst sein Ton, diese gütige, wissende, ironisch distanzierte Erzählstimme, die uns ihre Gesellschaft anbietet.
José Saramago ist ein Erzähler, der uns an die Hand nimmt und durch seine Geschichte führt, ein bisschen mit uns plaudert, wenn gerade nichts passiert, der uns sein Romanpersonal nahe bringt und lieb gewinnen lässt. Seine grösste Sympathie gilt all jenen, die man als die kleinen Leute bezeichnet, die sehen müssen, dass sie von den Mächtigen oder den durch die Macht erzeugten Umständen nicht zerquetscht werden. Und so erstaunt es auch nicht, dass Saramago sich mit der Institution Kirche schwer getan hat, gelinde gesagt; spätestens seit seinem Roman ‹Das Evangelium nach Jesus Christus› verband beide eine innige Feindschaft.
Perlende Prosa mit Abschweifungen. In ‹Die Reise des Elefanten› ist das spürbar, und auch Saramagos Vergnügen an feinem Spott, etwa dann, wenn ein Dorfpfarrer am Elefanten eine Teufelsaustreibung vornimmt oder der Dickhäuter in Padua ein ‹Wunder› vollbringt bzw. eines an ihm vollbracht wird. Wir befinden uns im 16. Jahrhundert.  Johann III. von Portugal schickt seinen Hofelefanten  Salomo samt dessen Führer Subhro auf eine lange Reise nach Wien. Sie sind ein Hochzeitsgeschenk für den Erzherzog, den nachmaligen Kaiser Maximilian II. Freilich reisen Salomo und Subhro nicht alleine, sondern von Truppen bewacht und Ochsenkarren begleitet, die gewaltige Futtermengen mit sich führen. Den grössten Teil des Romans sehen wir diesen Verband durch Portugal, Spanien und Italien stapfen, durch Hitze und Regen, Nebel und Schnee, gilt es gegen Ende doch noch den Brenner zu überwinden.
Schon der reizvolle Gegensatz zwischen dieser schleppenden, müden und immer wieder stockenden Bewegung (schliesslich muss Salomo auch rasten, fressen und ruhen) und Saramagos leichtfüssiger, fliessender, perlender Prosa macht die Lektüre zu einem Vergnügen. Und ebenso natürlich die bekannten Abschweifungen des Autors, der, wenn er ein Spiel mit den Zeiten treibt und als unverkennbar Heutiger ins 16. Jahrhundert zurückgeht, von dort her vorausschauend auf moderne Verkehrswege und -mittel zu sprechen kommt, auf Anglizismen in der Benennung portugiesischer Tourismuseinrichtungen oder moderne Spitzenmedizin – ein Spiel treibend, wie gesagt, eines, an dem man sehr gerne teilnimmt.
Zu guter Letzt, für die Liebenden und jene, die Saramago noch vor sich haben: Es ist ein letzter Roman zu erwarten, im Original ‹Caim› betitelt, und wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird er auch auf Deutsch ‹Kain› heissen.

 

José Saramago, ‹Die Reise des Elefanten›, Roman. Verlag Hoffmann und Campe, 2010, 240 S., gb., CHF 34.90 Hörbuch, Sprecher: Burghart Klaussner, 440 Min. CHF 45.90 Weitere Bücher von Samarago sind auf Deutsch bei Rowohlt erschienen.

 

Ausserdem für LiebhaberInnen besonderer Bücher: 16. Basler Büchermarkt der Antiquare: Fr 21. bis So 23.1., Schmiedenhof, Rümelinsplatz. Fr 17–20 h, Sa 11–18 h, So 10–17 h. Mit Führung von Albert M. Debrunner zu Basler Literaturorten: So 23.1., 12 h

 

(Heft Januar 2011, S. 16)