FRANCESCA FALK
Ein neues Buch dokumentiert, wie Migration in Bildern dargestellt wird, und wie diese uns beeinflussen.
Sie haben breite Beachtung gefunden, die Plakate und Medienbilder ‹Ivan S.›, ‹schwarze Schafe› oder ‹ausländische Raser›. Sie stellen nicht nur politische Anliegen bildlich dar – diese Bilder machen Politik. Sie schaffen soziale Gruppen und ihre Grenzen. Viele dieser Wirklichkeiten sind unauffällig und schwer einzuordnen, andere, wie die eingangs erwähnten Beispiele, sind offensichtlich. Die Produktion und Wirkungsweise von Bildern im Kontext der Migration zeigt das soeben erschienene Buch ‹Images of Illegalized Immigration› anhand verschiedener Beispiele wie der Diskussion um Raser, Kampagnen zum Frauenhandel oder den Medienbildern zu Bootsflüchtlingen auf.
Gesetzgebungsprozesse werden durch visuelle, verbale und mentale Bilder angetrieben. Gesetze und Verordnungen, die bestimmen, wer zu einer Gemeinschaft gehört und welche Art von Migration legal ist, basieren auf ‹imagined communities›. Diese Denkbilder einer Gemeinschaft können besonders wirkmächtig von echten Bildern geformt werden, wie die AutorInnen zeigen. Sie untersuchten, wie Bilder aus Migrierenden ‹Illegale› machen – indem etwa Migration als Kolonialisierung Europas dargestellt wird.
Paradoxe Botschaften. Das ist auch beim bekannten Anti-Minarett-Plakat der Fall, das inzwischen wohl zum visuellen Gedächtnis der Schweiz gehört. Aufgrund dieser Provokation wurde den Befürwortenden der Initiative medial viel mehr Platz eingeräumt als den GegnerInnen des Minarettt-Verbots. Die Schweizer Fahne erinnerte auf dem Abstimmungsplakat an eine Landkarte, schwarze Minarette durchbohrten diese wie Raketen oder riesenhafte Penisse. Die dargestellte Frau erschien in ihrer ebenfalls schwarzen Ganzkörperverhüllung in paradoxer Weise zugleich als potenzielle Bombenlegerin wie auch als von den muslimischen Männern unterdrücktes Opfer.
Die in der Schweiz lebenden Muslime wurden demnach von jener Partei, die sich noch vor wenigen Jahrzehnten als letzte Regierungspartei nicht zu einem ‹Ja› für das Frauenstimmrecht durchringen konnte, als insgesamt frauenfeindlich gezeigt, die Minarette als politisches Symbol der Herrschaft und Kolonisierung inszeniert – und schliesslich durch den neuen Verfassungsartikel illegalisiert. Ähnliche visuelle Muster finden sich auch in anderen nationalen Kontexten, etwa bei der italienischen ‹Lega Nord›.
Das Buch ist Ergebnis einer internationalen Tagung, die im vergangenen Jahr an der Universität Basel stattgefunden hat. Insgesamt 13 Autorinnen und Autoren beleuchten die Produktion, Verbreitung und Wirkung von illegalisierenden Bildern, darunter der US-amerikanische Bildwissenschaftler William J. Thomas Mitchell.
Die Autorin hat an der Konferenz und Publikation mitgewirkt.
Christine Bischoff, Francesca Falk, Sylvia Kafehsy (Hg.), ‹Images of Illegalized Immigration›, Band 9. Towards a Critical Iconology of Politics. Transcript Verlag, 2010. 178 S., TB, ca. CHF 33
Ausserdem: Auf Einladung von Amnesty International spielt die deutsche Theatergruppe Stückwerk ‹Abflug›, ein Stück um die Ausschaffung von Asylsuchenden: Mi 19.1., 19.30, Borromäum, Byfangweg 6
(Heft Januar 2011, S. 19)




