MICHAEL BAAS
Zwei Ausstellungen in der Region thematisieren die Eiszeit bzw. die aktuelle Klimaforschung.
Das Klima ist dieser Tage in aller Munde, und eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs gilt als existenziell. Das Lörracher Museum am Burghof nähert sich dem Thema in seiner aktuellen Sonderausstellung nun sozusagen im Rückblick, thematisiert eine Epoche, in der sich das Klima zwar ebenfalls änderte, wobei es mitnichten um Treibhauseffekte und Zivilisationsfolgen ging. Im Gegenteil: ‹Eiszeit am Oberrhein› wirft einen Blick in einen Abschnitt der Natur- und Kulturgeschichte, der die wenigen tausend Jäger und Sammler, die zwischen Karlsruhe und dem Bodensee gelebt haben dürften, vermutlich eher von wärmeren Tagen träumen liess. Konkret skizziert die Ausstellung im ersten Stockwerk und in Ergänzung zur Dauerausstellung, der Expo Trirhena, die Würmzeit, die vor rund 10’000 Jahren mit dem Holozän endete.
Grenzen und Staaten, politische und wirtschaftliche Systeme, Sprachen und Kulturen spielten damals noch keine Rolle. Die heute zersplitterte Region war ein Raum und dort ging’s ums Überleben, und zwar täglich, mit höchst einfachen Hilfsmitteln und ohne jede bewusste Überlieferung. Entsprechend dünn ist das aktenkundige Wissen, und vieles jenseits der puren Erdgeschichte bleibt an Bruchstücken aufgehängte Fantasie. Die von Caroline Buffet kuratierte Ausstellung setzt denn auch gar nicht auf Theorie und Abstraktion, sondern versucht die Annäherung an diese eisigen Vorzeiten durch einen möglichst hohen Erlebnisfaktor. Da brummt einem schon mal ein Höhlenbär ins Ohr; da ist überhaupt eine ganze Höhle nachempfunden, und zum Einstieg findet sich ein Relief des Rheingrabens zwischen Jura, Vogesen und Schwarzwald, das, wie manches andere, berührt werden darf. So lassen sich die Reste der Gletscher, die sich angesichts der (auch) damals fortschreitenden Klimaerwärmung schon auf die Höhen des Schwarzwalds oder der Vogesen zurückgezogen hatten, nicht nur betrachten, sondern sprichwörtlich erfassen.
Schwierige Rekonstruktion. Eine Reihe von Vitrinen bergen zudem zahlreiche Fundstücke dieser frühen Zivilisationsstufe; da gibt’s primitive Werkzeuge des Alltags aus Knochen oder Stein, oft eher zufällig von der Natur geformt und für zweckmässig erachtet, denn bewusst und gezielt erschaffen. Ähnliches gilt für den in der Regel archaisch-schlichten Schmuck und das A&O bei Jagd und täglichem Überleben, den Waffen wie Faustkeilen und Pfeilspitzen.
Ein weiteres Kernelement der musealen Reise ins oberrheinische Eis ist die üppige Kollektion würm-zeitlicher Tiere; diese stammen aus der Sammlung des Präparators Dieter Luksch, der naturkundliche Ausstellungen realisiert. Gezeigt werden rund 20 Tiere in einer dezent angedeuteten natürlichen Umgebung: Da stehen Höhlenlöwe und Wollnashorn, Eisfuchs und Riesenhirsch einträchtig nebeneinander und machen angesichts der Grösse oder ihrer Fellmassen staunen. Die ausgestellten Arten lebten einst auch in der Region – davon zeugt u.a. der riesige Stosszahn eines Mammuts und dessen Backenzähne, die vor rund 80 Jahren in Lörrach gefunden wurden; doch bei aller Faszination verströmt diese Präsentation auch ein bisschen den angestaubten Charme von Naturkundemuseen früherer Tage. Das ändert auch das 3,50 Meter hohe, prachtvolle Mammut nicht wirklich, dem man eigens ein Zelt im Hof aufgebaut hat. Im Gegenteil: Es beweist, wie schwer diese Frühzeit jenseits des Spektakulären zu fassen ist.
Nachhaltige Veränderungen. Weitere Objekte und Leihgaben aus naturkundlichen Museen in Freiburg, Colmar, Bad Säckingen oder auch dem Basler Museum der Kulturen runden das Bild der frühen oberrheinischen Flora und Fauna und der auf diesem Boden spriessenden Zivilisationsformen ab. Darüber hinaus gibt’s Karten, populär-wissenschaftliche Erläuterungen zur Erdgeschichte und Spots, die das soziale Leben dieser frühen Jäger- und Sammlergesellschaft illustrieren und Bezüge zur Umgebung herstellen – bis hin zu Fotos: Etwa aus dem Präger Kessel, einer eiszeitlich geprägten Landschaft zwischen Todtnau und St. Blasien, die immer einen Ausflug wert ist.
Unter dem Strich ergibt das einen breiten, sinnlichen Überblick über eine weithin unbekannte Epoche der Natur- und Kulturgeschichte. Und wer diese Eindrücke mit der vom Hygiene-Museum Dresden konzipierten und um Schweizer Daten ergänzten Ausstellung ‹2 Grad› im Basler Kunstfreilager verbindet, bekommt als besonderen Mehrwert eine spannende Brücke zwischen dem natürlichen Klimawandel von einst und dem menschengemachten von heute. Die Veränderungen der Vergangenheit lassen dann noch nachhaltiger ahnen, was die der Zukunft bedeuten könnten.
‹Eiszeit am Oberrhein›: bis Sa 8.5., Museum am Burghof, Baslerstr. 143, Lörrach. Mi bis Sa, 14–17 h, So 11–17 h
‹2 Grad. Das Wetter, der Mensch und sein Klima›: bis So 20.2., Kunstfreilager Dreispitz, Tor 13, Florenzstr. 1, Di bis So 10–17 h, Do bis 19.30 (2.1. geöffnet), www.2grad.ch
(Heft Januar 2011, S. 21)




