FRANÇOISE THEIS
Das Cartoonmuseum entführt uns in fernöstliche Bilderwelten.
Anlässlich von Culturescapes China und in Zusammenarbeit mit ‹Namoc›, dem National Art Museum of China, zeigt das Cartoonmuseum Basel einen überragenden Überblick des Wortbilderschaffens aus China vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute. Von meisterhaften Tuschezeichnungen über die millionenfach reproduzierten Kettenbilder ‹lianhuanhua› zu den heute mehrheitlich gelesenen ‹manhua› spannt die Ausstellung einen thematischen Bogen von Revolution und Gesellschaft zu Literatur und Philosophie bis zu aktuellen Comics, in denen die jungen Kunstschaffenden das Schicksal des Individuums im Spannungsfeld einer auseinanderdriftenden Gesellschaft ins Zentrum stellen.
Sanmao – der mit nur drei Haaren – ist wohl die älteste lebende Comicfigur Chinas. Geschaffen 1935 von Zhang Leping (1910–1992), um im Shanghai der 30er-Jahre vielen kleinen Sanmaos – armen heimatlosen Waisenkindern – zu helfen, hat die Figur Generationen von ChinesInnen begleitet. Immer wieder neu interpretiert, kann Sanmao als Spiegel der neueren chinesischen Kultur und Geschichte gelesen werden. In seinen Geschichten werden die Traumas des zweiten japanisch-chinesischen Krieges verarbeitet und die Gründung der Volksrepublik, die Kulturrevolution sowie die wirtschaftliche Modernisierung thematisiert. Schon 1948 wurden die Wanderungen des Sanmao verfilmt. Unterdessen hat sich der Comic-Held vom armen Waisenkind zum Studenten gewandelt und ist zur Hauptfigur in Fernsehsoaps und Computerspielen geworden.
Verwandte Geschichten. Dass die in kleinen Ausschnitten ausgestellten Geschichten auch ein nur oberflächlich mit China vertrautes Publikum unmittelbar ansprechen und einiges verstehen lassen, ist eine der Überraschungen der Ausstellung. Unvermittelt wird man etwa an die Geschichte der kleinen Meerjungfrau, an die Suche nach dem Heiligen Gral der Artussage oder an die Abenteuer von Tim und Struppi erinnert. Es mag am Fehlen von Kritik und Karikatur liegen, wie man diese im Westen kennt, dass man mit Verstand, Einfühlung und Lebenserfahrung den Comics weit näher kommt als erwartet. Doch gelingt es dem kritischen westlichen Auge auch, viel zwischen den Linien zu sehen.
Die Comicindustrie boomt in China. Zu verdanken ist dies der gezielten staatlichen Förderung. Nicht nur werden die KünstlerInnen gut ausgebildet, ihnen sind auch nach dem Studium Reisen möglich, und sie sind mit der neusten Technik ausgerüstet. Virtuos verschmelzen sie die chinesische Zeichentradition mit japanischen Mangas und europäischen Stilrichtungen und zeichnen mit Hilfe von Grafik-Tabletts in atemberaubender Geschwindigkeit direkt am Computer. Man verlässt diese Ausstellung beeindruckt, hat viel Neues erfahren und möchte gerne noch mehr wissen ...
‹Wortbilder. Comics aus China›: bis So 13.3., Cartoonmuseum Basel (31.12. und 1.1. geschlossen) → S. 29
Museumsnacht: Live-Performance mit dem Comic-Künstler Benjamin aus Peking: Fr 21.1., 18–2 h
(Heft Januar 2011, S. 22)




