MICHAEL BAAS
Freiburg würdigt einen Barockkünstler, der auch in der Schweiz Spuren hinterlassen hat.
Johann Christian Wentzinger (1710–1797) machte Freiburg ab Mitte des 18. Jahrhunderts nicht nur zum Zentrum der spätbarocken deutschen Kunst; die historische Ansicht seiner Residenz am Münsterplatz, die heute das stadtgeschichtliche Museum beherbergt, mit ihrem – so weit rekonstruierbar – prunkvollen Garten, verströmt auch den Hauch frühbourgeoiser Herrlichkeit. Wentzinger war nicht nur ein weltläufiger Künstler, sondern ein früher Kunstunternehmer, im reiferen Alter vor allem Kunst- und Architekturberater und nicht zuletzt ein grosszügiger Stifter, der dem städtischen Armenspital beachtliche 70’000 Gulden hinterliess. Verdient hat er dies Vermögen vor allem mit Aufträgen von Kirchen und Klöstern am Oberrhein, im Schwarzwald und der für deutsche Grenzgänger offenbar schon damals finanziell lukrativen Nordschweiz. Zum 300. Geburtstag würdigt die Stadt ihren Barock-Star nun in der grossen Retrospektive ‹Freiburg baroque›.
Wen(t)zinger, der das T in seinen Namen einmontiert hat wie ein zusätzliches, barockes Ornament, wurde in Ehrenstetten geboren, einem Bauerndorf zwischen Staufen und Freiburg. Nach Studien in Rom und Paris entschied er sich doch für ein Leben in der beschaulichen Provinzstadt Freiburg. Zwar hat er trotz seiner vielseitigen Begabung letztlich nur ein schmales Oeuvre hinterlassen, gleichwohl ist dieses gerade im Sakralbereich bedeutend und schmückt u.a. das Freiburger Münster, wo zwei seiner Hauptwerke zu sehen sind: das Rodt’sche Grabmal und ein Taufstein, den er zwar nicht ausgeführt, aber doch entworfen hat. Beide werden denn auch in ‹Freiburg baroque› beleuchtet.
Grossauftrag in Sankt Gallen. Neben der um Leihgaben aus Deutschland, der Schweiz und Österreich ergänzten Werkschau rücken der zentrale, in der neuen Halle des Augustinermuseums inszenierte Ausstellungsteil, aber auch die Entstehungsprozesse der Werke in den Blick. Ein Schwerpunkt ist dabei das St. Galler Schaffen: Dort hatte Wentzinger mit der Ausstattung der Stiftskirche des Benediktinerklosters zwischen 1757 und 1760 den Auftrag seines Lebens; eine Arbeit, die ihn finanziell so unabhängig machte, dass er sich danach auf die Rolle des Rat- und Ideengebers zurückziehen konnte. Dieser Grossauftrag wird durch zwei historische Modelle – die Kuppel der Kirche mit den Entwürfen des Deckengemäldes sowie ein Modell des Gerüsts – nicht nur plastisch nachvollziehbar, es veranschaulicht auch Wentzingers planerischen Genius.
Darüber hinaus präsentiert ‹Freiburg baroque› weitere Objekte aus der Region, etwa den Deckel eines Taufsteins aus St. Peter oder Heiligenfiguren aus Oberried. Vergleiche mit Werken wichtiger Zeitgenossen wie Joseph Anton Feuchtmayer ordnen Wentzingers Schaffen zudem in die Epoche ein, zeigen seinen Einfluss auf andere und die regionale Bildhauerszene, die er zum Teil für seine Arbeiten beschäftigte.
Allegoriker und Modernisierer. Ein besonderes Objekt und zugleich zweite Ausstellungsbühne ist das Wentzingerhaus. Der repräsentative Bau am Münsterplatz mit seinem grosszügigen Treppensaal macht nicht nur das Lebensgefühl des Barock greifbarer. In den ehemaligen Wohnräumen sind zudem Archivalien aus dem Leben des Künstlers ausgestellt. Diese Schau kommt im Vergleich zwar etwas staubig und unsinnlich daher, dafür entschädigt die im Innenhof aufgebaute Figurengruppe der ‹Vier Jahreszeiten› aus dem ebenfalls von Wentzinger gestalteten Schloss Ebnet. Die betont nüchtern gehaltenen und sparsam attribuierten Figuren heben sich sichtbar ab von der barocken Vorliebe fürs Ornament. Hier deutet sich ein neuer Realismus an – wie in der Winter-Figur mit dem vor Kälte gekrümmten alten Mann. Diese Bild- und Formensprache weist den Weg in die Aufklärung.
So zeigt ‹Freiburg baroque› nicht nur den barocken Allegoriker Wentzinger, nicht nur den vom Universaldenken der Renaissance geprägten Kunsttheoretiker, sondern auch den Modernisierer an der Schwelle der Aufklärung – und nicht zuletzt einen Künstler mit einer ausgeprägten Sensibilität für das Stoffliche, das Konkrete, wie es sich immer wieder in den Frauenfiguren zeigt.
‹Freiburg baroque›: bis So 6.3., Augustinermuseum (Augustinerplatz), Museum für Stadtgeschichte (Münsterplatz), www.freiburg.de/museen Di bis So 10–17 h, Führungen: Do 15 h, So 10.30 (Augustinermuseum), Fr 12.30, So 11 h (Museum für Stadtgeschichte) Katalog im Deutschen Kunstverlag, 29.80 Euro
(Heft Februar 2011, S. 22)




